HERZLICH WILLKOMMEN

auf GUIDOSWELT, meiner kleinen Homepage.

Hier trage ich so nach und nach Texte aus meiner Feder zusammen und auch sonstige Nebensächlichkeiten. Sämtliche der hier bereitgestellten Texte unterliegen meinem Urheberrecht. Sie dürfen ohne meine vorherige Zustimmung weder vollständig noch teilweise kopiert und verbreitet werden.

Alle Fotos, die hier zu sehen sind, habe ich selbst gemacht, bis auf das Cover-Foto zu  meinem ersten Buch BASTIANS TRAUM: © Arman Zhenikeyev – Fotolia.com.

Soviel zum rechtlichen Teil. Ich wünschen viel Vergnügen auf der Reise durch meine kleine Welt.

 

SPANISCHE DÖRFER

Fundierte Klischees – Aktueller denn je

„Spanische Dörfer“ ist ein Roman von Maria Braig, 2016 im Verlag 3.0 erschienen.

Drei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein können, begeben sich auf die Reise ihres Lebens mit dem Ziel, ihre Vergangenheiten hinter sich zu lassen und neu zu beginnen.

La Marcha flieht aus Afrika nach Europa, wo sie die Freiheit sucht und nicht zu finden scheint. Der transsexuelle Enrique verlässt Spanien, um als Architekt in Deutschland arbeiten zu können und niemandem mehr erklären zu müssen, wer das Mädchen ist, als das er geboren wurde. Leon hat ein Chromosom mehr als die anderen. Er ist Enriques bester Freund und ist immer für eine Überraschung gut. Sein Ziel ist es, Lehrer zu werden. Alle drei suchen sie nach dem Ort, der ohne Unterschiede auskommt. Werden sie ihn finden oder wird ihnen nur die Hoffnung bleiben?

Die Geschichte wird in einer gut lesbaren Sprache erzählt. Kapitelweise wird abwechselnd aus der Perspektive der drei Hauptfiguren erzählt. Während über La Marche und Enrique in der dritten Person erzählt wird, beschreibt Leon seine Teile der Geschichte in der ersten Person. Nicht durchschaubar habe ich den Wechsel der Zeiten empfunden (mal Gegenwart, mal Vergangenheit), was dem Fluss der Geschichte nicht wirklich schadet, mich als genauen Leser nach dem Sinn hat suchen lassen.

Die Sprache, in der Leon über sich erzählt, erscheint mir zu komplex (vielleicht weil sie nicht dem Klischee entspricht). Unerwarteter wäre dessen Schlauheit und Witz mit einfacherer Sprache dahergekommen. Durch die Sprache wird vorweggenommen, dass Leon kein durchschnittlicher Mensch mit Down-Syndrom ist, den der Leser wohl erwartet hat. So macht für mich der Wechsel der Erzählperson (von der der dritten zur ersten Person) keinen Sinn. Die Kapitelüberschriften geben die Erzählperspektiven bekannt. Im Nachwort zum Roman erklärt sich die Autorin hierzu.

Die Handlung ist wohl durchdacht, ohne dass sie zu konstruiert erscheint. Die Fäden laufen wie zufällig zusammen, wo sie einfach zusammenlaufen müssen, um die Geschichte ihrem abrundenden Ende entgegenzuführen.

Während mir die Ausgangsbasis der Geschichte am Anfang sehr klischeehaft vorgekommen ist (eine afrikanische Flüchtende, ein Transsexueller, ein Mensch mit Down-Syndrom), gelingt es der Autorin, den Klischees durch die Einblicke in konkret beschriebene Persönlichkeiten Leben einzuhauchen. Sie erzählt die Lebensgeschichten dreier Außenseiter.

Ohne Pathos führt uns die Autorin durch die Blickwinkel ihrer Protagonisten zu dem Hauptthema ihres Buches: In einer Gesellschaft, in der Individualität groß geschrieben wird, werden jene verdächtig beobachtet, die anders sind.

Ich gebe dem Buch wegen der überzeugenden Darstellung der drei Lebenswege, der schlüssigen Erzählung ihrer Probleme, Wünsche und Ziele sowie dem Anreiz zum Nach-Denken volle Punktzahl. Wer offen für das Thema und bereit ist, sich seinen Vorurteilen zu stellen, dem lege ich dieses Buch ans Herz.

 

BELEIDIGUNG

Beleidigung? Was ist das eigentlich?

Viel wichtiger als die Frage nach der Beleidigung ist doch die nach den Protagonisten: dem Beleidigenden und dem Beleidigten.

Beleidigung gibt es doch nur dann, wenn beide oder zumindest der Beleidigte daran glauben, daß beleidigt worden ist. Beleidigung ist demnach ein Glaube, ein Gefühl, das mindestens der Beleidigte hat. Der fühlt sich vielleicht ertappt, daß der Beleidigende mit seiner Beleidigung recht haben könnte.

Wenn das in der Sache Erdogan so ist, warum hören wir keinen Aufschrei der Tierschützer? Wo ist das Geräusch der katholischen Kirche, wie sie „Sodomie“ predigt?

Das soll justiziabel sein? *grübelt*

FEEDBACK

ZU BASTIANS TRAUM

Heute (16.01.2016) hat mein Roman BASTIANS TRAUM seine erste Leserrezension erhalten. Vielen lieben Dank dafür.

Ein gelangweilter junger Mann, der nichts mit sich anzufangen weiß, gerät durch ein Ereignis unversehens in eine Parallelwelt einer vergangenen Zeit. Er begegnet dort einerseits Menschen, denen er vertrauen kann, andere wiederum sind Todfeinde. Er muss lernen, abzuwägen, zu kämpfen, Entscheidungen treffen, von denen alles, auch sein Leben abhängt. Am Ende wird ihm vor Augen geführt, was diese Begegnungen bezwecken.

 

Mich hat schon früher das Jugendbuch „Als die Uhr dreizehn schlug“ von Philipa Pearce fasziniert, wo ein Junge mitten in der Nacht aus einer Hintertür hinaus in eine vergangene Zeit tritt. Das Buch von Guido Arnold hat auf seine Weise eine ganz ähnliche Faszination, wenngleich die Protagonisten hier Erwachsene sind und es bisweilen recht rau zugeht.
Der Autor verwebt geschickt Fiktion und Wirklichkeit und löst das Ganze am Ende stimmig auf.
Ich kann das Buch nur empfehlen.

[zur Rezension bei Amazon.de]

DER ABEND, AN …

… DEM DER WEIHNACHTSMANN VERSCHWAND

Heiliger Abend. Der Winter hat das Land in seinem frostigen Griff.

Daniel Baader und Sabrina Klose haben heute Dienst. Sie sitzen in ihrem Büro in der Polizeidienstelle einer kleinen Kreisstadt irgendwo in der Mitte Deutschlands. Zwei Schreibtischlampen und ein Deckenfluter erhellen den grauen Schein des Sonnenuntergangs nur unzureichend. Die letzten Tage hat es viel geschneit, bis heute Vormittag. Endlich mal wieder weiße Weihnachten. Der Weihnachtsmann hat also mit seinem Geschenkeschlitten beste Straßenverhältnisse.

Sabrina schreibt auf ihrem Computer gerade einen Bericht zu Ende. Daniel blättert mürrisch in einer Akte. Er gießt sich noch etwas Kaffee in seinen Pott und brummelt vor sich hin.

Sabrina murmelt: »Dänny, hör auf zu meckern. So kann ich mich nicht konzentrieren. Du bist schließlich selbst schuld, wenn du dich von Bernd überreden lässt, den Dienst für Heiligabend zu tauschen, weil er mit seiner neuen Flamme Weihnachten in trauter Zweisamkeit feiern muss. Du bist doch spätestens zur Bescherung bei deinem Süßen zu Hause auf der Couch.«

»Ich weiß ja. Aber es ist nun schon das zweite Mal, dass ich am Heiligen Abend nicht zu Hause bin. Ich hätte ihm so gerne beim Backen der Plätzchen geholfen«, seufzt Daniel.

»Du hast doch gesagt, dass dein Jakob heute bei seinem Vater im Gasthof aushelfen wird«, versucht sie ihn zu beruhigen.

»Ja, vormittags wollte er bei den Vorbereitungen für das Weihnachtsbüffet helfen. Nachmittags wollte er dann alles schön gemütlich zu Hause machen. Er freut sich doch immer so auf Weihnachten. Er wird dann immer so süß romantisch«, wendet Daniel ein.

Die Tür geht auf und ihr Kollege Frank Nowitzki kommt herein: »So, die Essstäbchen zur Seite gelegt. Es gibt Arbeit. In der Fußgängerzone ist der Teufel los. Die Meldung ist irgendwie merkwürdig. Jedenfalls haben die Kollegen von der Streife schon mal alles abgesperrt. Die Spurensicherung ist auch schon unterwegs.«

»Komm Fränkyboy. Etwas genauer bitte. Was ist denn passiert?«, fragt Daniel ungeduldig mit den Augen rollend.

»Ein älterer Herr soll verschleppt worden sein. Mehr weiß ich auch nicht«, erklärt Frank.

»So werde ich diesen blöden Bericht nie fertig kriegen«, seufzt Sabrina, speichert die Datei und fährt Ihren Computer runter. Dann stehen sie und Daniel auf, schnappen sich ihre Mäntel und folgen Frank auf den Flur.

»Na, dann mal los. Raus in die heile Weihnachtswelt«, ruft Daniel scheinbar fröhlich aus.

Sie fahren mit Daniels Dienstwagen zur Fußgängerzone. Eine Dichte Schneedecke überzieht den Asphalt. Kaum eine Menschenseele ist hier unterwegs, da der Weihnachtsmarkt auf dem Platz vor der großen Kirche alle Leute anzuziehen scheint, die so kurz vor der Bescherung noch was erleben wollen. Die Stadt ist festlich geschmückt.

Mitten in der Fußgängerzone entdecken die beiden die weiträumige Tatortabsperrung, parken den Wagen und wenden ihre Schritte in diese Richtung.

An der Absperrung angekommen, fragt Sabrina den Polizisten, der sie freundlich begrüßt: »Fröhliche Weihnachten, Müller. Wo ist der Tatort?«

»Dort hinten neben den Sachen. Die Spurensicherung hat das Terrain freigegeben.« Er zeigt auf einen Haufen Geschenke und einen großen Sack, die im Schnee liegen. Daneben stehen ein VW-Bus der Polizei und zwei weitere kleinere Streifenwagen.

»Gibt es irgendwelche Zeugen?«, erkundigt sich Daniel.

Der Uniformträger deutet auf eine Personengruppe: »Die da.«

Eine Polizistin unterhält sich mit fünf unruhig hin und her tänzelnden Gestalten in merkwürdig hell schimmernden Gewändern, die für die kalten Temperaturen viel zu dünn erscheinen. Die Beamtin versucht beruhigend auf die Gestalten einzureden. Doch die plappern ohne Pause durcheinander.

»Was sind das denn für Gestalten?«, will Daniel von Müller wissen.

Der zuckt nur mit den Schultern: »Sie sagen, sie wären Elfen.«

»Sie wären was?«, fragt Daniel ungläubig.

»Elfen«, wiederholt der Polizist emotionslos.

»Und warum sind die so unruhig? Ist denen kalt in ihren Nachthemden?«, fragt Daniel weiter nach.

»Nein, frieren tun sie angeblich nicht. Sie haben die angebotenen Decken abgelehnt. Auch wollen sie nicht im VW-Bus Platz nehmen. Kollegin Fröhlich versucht sie deshalb da draußen zu befragen und irgendetwas Sachdienliches aus ihnen heraus zu bekommen. Sie müht sich redlich, die Arme.«

Daniel dreht sich zu Sabrina um: »Ich glaube jetzt sind deine psychologischen Fähigkeiten gefragt. Könntest du nicht mal versuchen, diese heulenden Fabelwesen zu beruhigen?«

»Ich kümmere mich mal. Die Kollegin scheint Hilfe gebrauchen zu können«, nickt sie.

Ein Elf ruft gerade flehend aus: »Rudolph ist auch weg. Sie müssen Rudolph finden!«

Komisch, denkt sich Daniel. Sie haben nur diese dünnen Gewänder an. Sie haben keinerlei Fußspuren im Schnee hinterlassen. Sie wollen Elfen sein. Hat man so etwas schon mal erlebt? Er schüttelt lächelnd den Kopf.

Während Daniel noch so sinniert, taucht ein bärtiger Mann an der Absperrung auf. Er ist in einen grünen bodenlangen Mantel mit Kapuze und güldenen Säumen gekleidet. Neben ihm stolziert ruhig ein großes Tier mit einem stattlichen Geweih.

Sofort wird er von Müller angehalten und gebeten, die Absperrung nicht zu durchbrechen. Ein zweiter Polizist geht auf Daniel zu, der grübelnd den Sack und die von der Spurensicherung aufgebauten Geschenkepackungen anschaut.

»Herr Baader«, spricht ihn der Uniformierte an, »Da ist ein Herr mit einem – nun ja, mit einem Hirsch oder so was an der Absperrung. Das sollten Sie sich mal ansehen.«

Daniel fragt mürrisch: »Was für ein Hirsch? Was für ein Herr? Ist das hier heute Heiliger Abend oder Wandertag der Klapsmühle? Ich kann so nicht arbeiten.«

Er wendet sich von den Fundstücken ab und geht auf die Ankömmlinge zu.

»Was machen Sie denn mit dem Elch hier mitten in der Stadt?«, spricht er den älteren Herrn an.

»Das ist kein Elch“, entgegnet der Alte ruhig, »das ist ein Rentier.«

»Und, was führt Sie damit zu uns?«

»Er hat mich hierher zu Ihnen geführt.« Dabei deutet er auf das große Tier hinter sich.

Daniel schaut den alten Mann ungläubig an, dann das stattliche Tier, das ganz ruhig und unbeteiligt daneben steht.

»Wer sind Sie?«, will Daniel schließlich von dem Mann wissen.

»Das tut nichts zur Sache. Wichtiger ist er hier.« Und dabei zeigt der Alte wieder auf das Tier.

»Okay, um Sie kümmere ich mich gleich. Was ist so wichtig an ihm

»Das ist Rudolph«, erklärt der alte Mann.

»Rudolph«, wiederholt Daniel stirnrunzelnd. »Und was hat es mit diesem Rudolph auf sich? Was macht dieses Tier hier in der Stadt?«

»Er sucht seinen Herrn.«

»So, er sucht seinen Herrn. Wer ist denn dieser Herr?«

»Sie suchen auch nach seinem Herrn. Es ist der Weihnachtsmann.«

»Jetzt schlägt’s dreizehn! Fangen Sie jetzt auch noch mit diesem Unsinn an? Und wer sind Sie? Knecht Ruprecht vielleicht?«

Der alte Mann guckt ihn nur milde lächelnd an. Mit einem fast unmerklichen Nicken bestätigt er Daniels Vermutung.

»Wie sind sie zu diesem Tier gekommen, das Sie hierher geführt hat?«, beharrt Daniel auf eine Information.

»Ich bin von den Elfen gerufen worden und habe schließlich Rudolph in einer stillen Seitengasse gefunden. Er hatte sich mit seinem Geweih in einer Lichterkette verfangen«, berichtet der Knecht und tätschelt dabei den Hals des Tieres.

Daniel beißt sich seufzend in die Faust.

»Sabrina, kannst du dich bitte mal um diesen netten Herrn hier kümmern?«, bittet er seine Kollegin, die sich gerade von den nun schon wesentlich ruhigeren Elfen abgewendet hat und auf ihn zukommt.

Sie geht auf den Mann zu und führt ihn freundlich zu dem blau-weißen VW-Bus. Das Tier folgt ihnen.

Daniel untersucht derweil die Spuren: Neben der Stelle, an der der Sack von den Streifenkollegen vorgefunden wurde, sind zwei Abdrücke von großen Stiefeln zu sehen. Von hinten kommen Spuren von zwei Paar kleineren Schuhen auf die Stiefelabdrücke zu. Dann sind Spuren zu erkennen, die auf einen kurzen Kampf schließen lassen und Schleifspuren von den großen Stiefeln. Daneben die etwas tieferen Abdrücke der vier kleineren Schuhe. Während die vier Schuhspuren auf leichte Personen hinweisen, rühren die beiden anderen Spuren von einem großen, stattlichen Menschen her. Gut, dass es nicht mehr geschneit hat seit dem Vorfall, so sind die Spuren noch deutlich zu erkennen.

Wie ist es nun den beiden leichteren Personen gelungen, die schwere Person zu überwältigen und fortzuschleifen? fragt sich Daniel.

Während er nachdenkt und sich den möglichen Verlauf des Geschehens überlegt, kommen zwei Personen auf ihn zu: ein junger Mann mit Mikrofon gefolgt von einem weiteren mit Fernsehkamera auf der Schulter.

»Guten Abend, Kevin Schmidt von Kabel-TV-Plus«, stellt sich der Erste vor. Die Kamera ist auf Daniel und die Spuren gerichtet. »Darf ich Ihnen ein paar Fragen stellen? Was ist dran an den Gerüchten, der Weihnachtsmann sei entführt worden? Welche Erkenntnisse haben Ihre bisherigen Ermittlungen ergeben?«

Daniel schaut dem Reporter kurz mürrisch in die Augen. Dann dreht er sich um und ruft: »Müller! Kannst du mir mal diese beiden Elfen hier von der Pelle halten und sofort vom Tatort führen?«

Zu dem jungen Reporter gewandt brummt er nur unhöflich: »Ich muss Sie bitten, den Tatort unverzüglich zu verlassen. Sie zerstören wichtige Spuren und behindern meine Ermittlungen. Der Kollege Müller wird Sie soweit informieren, wie es der Ermittlungsstand zulässt. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir Ihnen kein Täterwissen mitteilen können.«

Müller kommt herbei und führt die beiden Journalisten höflich und bestimmt seitwärts vom Tatort weg.

Daniel hingegen widmet sich wieder den Spuren. Die vier Schuhabdrücke und die Schleifspur führen rechts weg an einen Parkplatz am Rand der Hauptstraße. Etwa 200 Meter. Im Schnee ist zu erkennen, dass dort ein PKW gestanden hat. Es sieht aus, als wurde die Person mit den großen Stiefeln irgendwie in dieses Fahrzeug gesetzt. Die zwei Paar Schuhe haben sich um das Auto auf die geräumte Fahrbahn entfernt. Leider ist nicht erkennbar, ob sie den Wagen ebenfalls betreten haben. Daniel macht schnell ein paar Fotos von den Spuren. Es fängt wieder an zu schneien. Ein kalter Wind kommt auf.

Dann stapft er durch den Schnee zum VW-Bus. Darin sitzt Sabrina und tippt ein paar Notizen in ihr Smartphone.

»Was ist mit den Weihnachtsengeln und mit diesem Knecht und seinem Riesenwauzi?«, fragt Daniel.

»Wir mussten sie nach Hause schicken. Sie haben alle einen festen Wohnsitz bei diesem Ruprecht Knecht. Dem gehört übrigens auch der Hirsch. Die Elfen haben wir befragt. Sie haben die Tat selbst nicht mitbekommen. Es ist angeblich sehr schnell gegangen. Sie hatten sich wohl um den Hirsch kümmern müssen. Als sie sich dann mal umgedreht hatten, war der alte Mann weg. Sie waren so aufgeregt, dass sie nicht bemerkt haben wollen, dass sich dann auch noch ihr Tier entfernt hatte. Alles sehr undurchsichtig und merkwürdig«, erklärt Sabrina.

»Wie heißt denn der verschleppte alte Mann?«, erkundigt er sich.

»Chris Kind, haben sie ihn genannt. Er sei der Weihnachtsmann. Mehr war aus ihnen nicht herauszubekommen«, entgegnet seine Kollegin enttäuscht.

»Chris Kind? Knecht Ruprecht? Elfen? Sag mal Sabrina, was ist das hier eigentlich für ein Film? Dickens‘ Christmas Carol? Ich will jetzt nach Hause zu meinem Schatz. Der wird sicherlich schon ziemlich beleidigt sein, weil ich jetzt schon zwei Stunden zu spät bin. Ich muss ihn noch aus der Kneipe seines Vaters abholen.«

»Nun denn. Wie gesagt, wir haben sie nach Hause geschickt. Verrücktsein ist schließlich kein Grund, sie bei uns festzuhalten. Die haben uns nicht wirklich weitergeholfen. Wir können jetzt, glaube ich, auch gehen. Alles weitere dann morgen.« Sabrina lächelt.

»Gibt es denn sonst noch irgendwelche wichtigen Erkenntnisse? Noch andere Zeugen außer diesen Lichtgestalten?«, will Daniel noch wissen.

»Es sind wohl wenige Leute rund um die Tatzeit hier gewesen. Am Parkplatz da an der Straße wollen zwei Jugendliche unabhängig voneinander einen alten roten Ford Mustang gesehen haben. So sechziger, siebziger Jahre. Der eine hat ihn erst gehört als der Motor gestartet wurde und ihm dann hinterhergeschaut. Der andere hat sich den Wagen wohl kurz bevor er weggefahren ist, neugierig beäugt. So etwas sieht man hier ja nicht alle Tage.

So. Die Kollegen werden jetzt den Tatort wieder räumen und den Geschenkesack und das ganze Zeug ins Präsidium bringen. Ich fahre dann mit Müller mit. Mach’s gut, Dänny. Grüß mir Jakob, den Süßen.«

Daniel verabschiedet sich von seiner Kollegin und stiefelt auf sein Auto zu.

 

***

 

Ein kleines Landgasthaus irgendwo in der Mitte Deutschlands am selben Abend. Draußen fegt mittlerweile ein eiskalter Sturm mächtige Schneemassen übers Land.

Die kleine Gaststube ist gut beheizt und mit gemütlichem Licht ausgeleuchtet. Heute Abend sind kaum Gäste da. Die Menschen des Ortes und der Umgebung warten heute wohl lieber zu Hause auf die Bescherung. An der Theke sitzt eine ältere Frau und betrinkt sich. Gerade ruft sie nach Jakob, dem jungen Barmann. Der versucht, ihr das weitere Trinken auszureden. Sie verlangt beharrlich nach einem neuen Schnaps.

An der gegenüberliegenden Wand hängt ein alter Fernseher. Gerade wird ein Musikvideo gezeigt: Justin Bieber singt mit unschuldigem Lächeln live vor Publikum Jingle Bells. Jakob gießt der Frau das Glas noch einmal voll, stellt ihr die Flasche hin und blickt auf den Fernsehschirm.

Die Frau dreht sich auf ihrem Barhocker schwankend hin und her, dass der junge Barmann befürchtet, sie würde jeden Moment herunterfallen.

»Was‘n das für‘n Unsinn? Nennt man das heutzutage singen?«, lallt sie laut. »Schätzchen, mach das mal aus da. Ich kann das nicht mehr ertragen dieses Weihnachtsgesinge.«

In diesem Moment geht die Küchentür auf und Walter Kreuzfeld, der Wirt dieses Gasthauses und Jakobs Vater, kommt mit einem Teller Schweinebraten, Klößen und Rotkohl in die Gaststube gestürmt. Zielstrebig geht er auf den Tisch am Fenster zu, an dem ein älterer Herr mit dichtem weißem Bart sitzt. Er stellt den Teller geräuschvoll vor den Gast und wünscht ihm einen guten Appetit.

Der ältere Herr bedankt sich und bestellt noch ein Bier.

»Kommt sofort«, erwidert Walter freundlich und geht auf den Tresen zu, an dem sein Sohn bereits ein Glas unter den Hahn hält und Bier hineinlaufen lässt.

»Was ist das?«, fragt ihn Walter und deutet auf den Fernseher.

»Ein verkokst grinsender Teenager trällert vor Publikum ein Weihnachtslied«, klärt Jakob seinen Vater teilnahmslos auf.

Die elektrischen Kerzen am Weihnachtsbaum flackern kurz auf, als plötzlich der Gesang aus dem Fernseher abrupt verstummt und ein Fernsehstudio eingeblendet wird.

»Meine sehr geehrten Damen und Herren, aus gegebenem Anlass unterbrechen wir das aktuelle Programm.« +++EILMELDUNG+++ flimmert in rot über den Bildschirm. Ein schockierter Reporter erscheint im Bild und berichtet panisch von den aktuellen Ereignissen, die sich gerade zugetragen haben.

»Justin, es ist schrecklich. Wir haben noch keine genauen Informationen, aber auf Grund der Bilder, die uns erreicht haben …« Die Regie schneidet auf einen achtlos hingeworfenen Sack, aus dem einige Geschenke mit bunten Schleifen ragen. Daneben Fußabdrücke im Schnee. Im Hintergrund stehen verstört wirkende Elfen zusammen. »… müssen wir davon ausgehen, dass der Weihnachtsmann entführt wurde. Damit erstmal zurück ins Studio.« – »Danke Kevin Schmidt für die ersten Informationen. Wir melden uns, sobald wir genaueres wissen …«

Jakob lässt das Bierglas unter dem Hahn überlaufen, blickt gebannt auf den Fernsehschirm, dann zu seinem Vater, der immer noch neben ihm steht. Beide schauen dann zu dem älteren Herrn, der gerade ungestört seinen Schweinebraten isst.

Ihre Blicke gehen weiter zum Garderobenständer, an dem ein roter Mantel mit Kapuze und weißen Säumen hängt. Der Gedanke, den sie wohl beide haben, verwerfen sie als unwahrscheinlich.

 

***

 

Daniel Baader betritt eine gute Stunde später das Gasthaus von Walter Kreuzfeld.

Jakob steht noch immer am Zapfhahn hinter dem Tresen. Die alte Frau hält sich mühsam auf dem Barhocker und lallt unverständliches Zeug. Mehr Menschen sind nicht anwesend.

»Entschuldige, Jakob, es ist viel später geworden, als geplant«, begrüßt er seinen Freund.

Jakob lächelt: »Ich weiß, Dännylein. So ist es immer. Letztes Jahr. Davor das Jahr. Ich pack nur schnell und sage Dad Bescheid, dass er hier die letzte Leiche noch betreuen muss.« Mit dem Kopf deutet er auf die Betrunkene.

»Es tut mir leid. Es war ein ganz dämlicher Fall. Und ich komme nicht dahinter, was passiert ist. Es ist so undurchsichtig. Da stimmt etwas nicht«, versucht Daniel zu erklären.

»So? Was war denn?«, ist Jakob neugierig.

»Ach, wir sind in die Fußgängerzone gerufen worden. Dort soll ein älterer Herr entführt worden sein, der wohl gerade auf dem Weg zu einer Kinderbescherung war. Du weißt schon, einer von diesen Mietweihnachtsmännern. Das machen heute wohl nicht nur Studenten, sondern auch ältere Herren, die sich damit die Rente aufbessern.“

»Und weiter? Hast du ihn gefunden?«, will Jakob wissen.

»Nein, leider nicht. Es ist merkwürdig. Irgendwas stimmt nicht mit dem Fall. Da wird ein älterer Herr im Weihnachtsmannkostüm entführt und mit einem alten Sportwagen weggefahren.«

»Einem roten Mustang aus den sechziger oder siebziger Jahren?«

»Ja, woher weißt du das?«, fragt Daniel erstaunt.

»So ein alter Mann ist hier gewesen. Er ist mit einem alten Ford Mustang hier vorgefahren. So ein Gefährt sieht man hier nicht oft und auch der Lärm, den so eine Karre macht, ist ein anderer als der von einem alten Traktor, die hier gewöhnlicherweise durchs Dorf fahren. Er hat dort gesessen und Schweinebraten gegessen. Da an der Garderobe hat sein roter Kapuzenmantel gehangen.«

Jakob zeigt zuerst auf den Tisch am Fenster, dann auf die leeren Haken an der Wand.

»War er alleine? Wann war das?«, will Daniel aufgeregt wissen.

»Er war ganz alleine. Wir haben uns noch gewundert: ein Mann im Weihnachtsmannkostüm kommt zur Bescherungszeit hierher und isst einen Schweinebraten. Er ist vor nicht ganz einer halben Stunde gegangen. Er hat mir ein reichliches Trinkgeld gegeben. Du hättest ihn fast noch sehen können«, berichtet Jakob.

»Hast du gesehen, in welche Richtung er gefahren ist?«

»Ich bin natürlich sofort raus, als er den Wagen gestartet hat. Er ist dann Richtung Autobahn gefahren. Mann, hat die Karre einen Lärm gemacht!«

»Mist, es hat zu viel geschneit, nun kann man keine Spuren mehr sehen. Ich gebe das mal schnell an die Zentrale weiter. Die müssen eine Großfahndung auslösen.« Daniel fischt sein Smartphone aus der Manteltasche und tippt eine Nummer auf das Display.

»Hei Marion. Bitte schick den Suchtrupp raus nach diesem ominösen Weihnachtsmann, den sie vorhin in der Fußgängerzone verschleppt haben. Er ist hier bei meinem Freund im Gasthaus gewesen und vor einer halben Stunde in Richtung Autobahn aufgebrochen. Weit kann er noch nicht sein.« Dann gibt er noch die Fahrzeugdaten und eine Beschreibung des Mannes durch.

»Ich gehe davon aus, dass du jetzt nicht nach Hause fahren willst?«, fragt Jakob mit nicht zu überhörender Enttäuschung.

»Was glaubst denn du? Das ist mein Fall und ich bin dabei, ihn zu lösen«, triumphiert Daniel.

»Okay, dieser Weihnachtsabend ist versaut. Du hast eine Chance, das gutzumachen.« Jakob schaut seinen Freund mit großen Augen an.

»Nämlich?«, fragt dieser lakonisch.

»Ich komme mit und schaue zu, wie du den Weihnachtsmann einfängst«, gibt Jakob freudestrahlend bekannt.

»Kommt gar nicht in die Tüte.« Daniel schüttelt den Kopf

»Warum nicht? Ich bin ein Zeuge, ich habe den Mann gesehen und werde ihn identifizieren. Immerhin habe ich dir den entscheidenden Hinweis gegeben«, fordert Jakob.

»Und was wird aus mir?« krakeelt die alte Frau am Tresen.

»Du kriegst jetzt noch einen ordentlichen Scheidebecher, dann bringe ich dich über die Straße nach Hause«, erklärt Walter, der Jakobs Platz am Zapfhahn eingenommen hat.

»Jaja, bring du mich um die Ecke«, lallt sie.

»So, Jungs, macht, dass ihr wegkommt. Ich kümmere mich um Annegret und schließe dann zu. Es ist spät genug. Ich muss morgen fit sein für die Weihnachtsfeier der Kegelbrüder. Danke, Jakob, für deine Hilfe.« Er umarmt erst seinen Sohn, dann Daniel und schiebt die beiden zur Tür hinaus.

»Was ist denn nun? Nimmst du mich mit oder muss ich den Rest dieses heiligen Abends mit mir selber spielen?«, nölt Jakob.

»Schon gut, du hast Recht. Ohne deinen Hinweis, wäre ich jetzt kein Stück weiter«, gibt Daniel nach.

Am Auto angekommen, öffnet er die Beifahrertür: »Steig ein, mein Süßer. Wir heben gleich ab.«

Jakob steigt ein. Daniel schließt die Tür. Steigt auf der Fahrerseite ein, kramt aus dem Handschuhfach ein Blaulicht, stellt es aufs Dach des Autos, wo es von dem magnetischen Fuß festgehalten wird und schaltet es ein.

Dann klingelt sein Handy. Eine laute Frauenstimme erklärt ihm über die Freisprecheinrichtung, wo der alte Mustang angehalten worden ist und dass die Kollegen den Fahrer, einen älteren Herrn mit weißem Bart und rotem Mantel, festhalten würden.

Dann fahren sie los. Der Schneesturm hat nachgelassen. Daniel steuert den Wagen mit sicherer Hand über die verschneite Landstraße.

 

***

 

Spät am Heiligen Abend auf einem Autobahnparkplatz irgendwo in der Mitte Deutschlands. Die Nacht ist frostig. Vom Firmament blinken unzählige Sterne herunter. Der Mond scheint hell und rund vom Himmel. Ein scheues Reh springt schnell in die Sicherheit des angrenzenden Mischwaldes.

Ein alter Ford Mustang steht neben einem VW-Bus der Polizei und einem Streifenwagen mit eingeschaltetem Blaulicht. Ein Beamter beugt sich gerade in den geöffneten Kofferraum des Oldtimers. Eine Polizistin sitzt auf dem Beifahrersitz und durchsucht den Innenraum. Ein dritter Beamter befragt einen älteren Herrn im VW-Bus.

Daniel bringt seinen Wagen direkt neben dem VW-Bus zum Stehen. Jakob blickt hinüber und bestätigt mit einem Nicken: »Das da drüben ist der alte Mann von vorhin. Und hier auf der anderen Seite steht derselbe Mustang, mit dem er unseren Gasthof verlassen hat.«

»Okay Jakob, bleib du am besten hier im Wagen. Es wird nicht lange dauern.«

»Jaja, ich weiß, es dauert nie lange«, schmollt Jakob.

Daniel steigt aus und geht hinüber zum VW-Bus. Der Kollege öffnet die Schiebetür und begrüßt ihn: »Frohe Weihnachten, Herr Baader. Das ist der Mann, den wir suchen. Er will uns partout seinen Namen nicht sagen. Papiere hat er keine dabei. Wir haben den ganzen Wagen untersucht. Nichts.«

»Lassen Sie mich mal«, ordnet Daniel an und setzt sich neben seinen Kollegen auf die Bank gegenüber dem alten Mann.

»Also, Herr Kind«; setzt er an und wird sofort von der sonoren Stimme das alten Mannes unterbrochen.

»Wenn schon, dann Christkind.«

»Von mir aus auch Chris Kind. Wer sind Sie wirklich? Was haben Sie uns heute Abend für eine Geschichte zu erzählen?«

»Das habe ich Ihrem Kollegen schon erzählt: Ich bin der Weihnachtsmann.«

»Das sehe ich: weißer Bart, roter Kapuzenmantel mit weißem Saum. So wie man sich den Weihnachtsmann vorstellt.«

»Sie glauben mir nicht. Niemand glaubt mir, wenn ich nicht gerade irgendwo mit dem Schlitten vorfahre und Geschenke abliefere oder auf dem Dach irgendwelches Zeug in den Kamin werfe und laut Ho, Ho, Ho rufe«, entgegnet der Mann sichtlich niedergeschlagen.

»Wenn ich ehrlich bin: Ich glaube Ihnen kein Wort.«

Der alte Mann zuckt mit den Schultern und schaut schweigend zum Fenster hinaus.

»Nehmen wir mal an, Sie sagen die Wahrheit: Würden Sie mir dann erzählen, was sich vorhin in der Fußgängerzone abgespielt hat?«

»Nein«, murmelt der Alte lakonisch.

»Dann erzähle ich Ihnen die Geschichte: Sie sind unterwegs mit einem Schlitten, ein paar Helfern und einem großen Sack voller Geschenke. Der Elch …«

»Das ist kein Elch, das ist ein …«, unterbricht ihn der alte Mann.

Doch Daniel fährt unbeirrt weiter fort: »Jaja, ich weiß. Rudolph heißt er. Also Rudolph kommt ins Straucheln. Ihre Helfer steigen ab und kümmern sich um ihn. Sie verlassen den Schlitten auch. Zwei Personen nähern sich Ihnen. Es folgt ein kurzes Handgemenge. Die beiden Personen schleifen Sie zu diesem alten Ford. Bis hierher sieht es aus wie eine Entführung.

Der alte Ford steht an einer geräumten Straße. Sie steigen auf der Fahrerseite ein. Von den beiden anderen fehlt jede weitere Spur. Sie könnten sich auch über die Straße entfernt haben.

Ihre Helfer bekommen davon angeblich nichts mit. Noch sind sie potentielle Komplizen.«

»Lassen Sie meine Elfen. Sie sind unschuldig und haben mit der Sache nichts zu tun«, schaltet sich der alte Mann ein.

»So? Dann erklären Sie mir mal bitte, wie Sie sich haben wegschleifen lassen können, ohne dass es Ihre Helfer, diese Elfen bemerkt haben können? Ihrer Statur nach zu urteilen, sind Sie nicht einfach so zu überwältigen und wegzuschaffen. Die Fußspuren der beiden Personen lassen nicht auf sonderlich kräftige Leute schließen«, fordert Daniel eine Erklärung.

»Es ging eben alles sehr schnell. Elfen können sich immer nur auf eine Sache konzentrieren. Und das war Rudolph«, antwortet der alte Mann.

»Sind sowieso merkwürdige Wesen. Sie haben keinerlei Spuren im Schnee hinterlassen. Auch scheinen sie gegen Kälte unempfindlich zu sein. In ihren Nachtgewändern haben sie angeblich nicht gefroren.

Wenn diese Elfen unschuldig sind, was hat es dann mit den beiden anderen Personen auf sich? Sind das Ihre Komplizen gewesen? Lassen Sie sich nicht alles aus der Nase ziehen. Ich möchte jetzt die Wahrheit hören.«

Der alte Mann schaut sinnierend vor sich auf den kleinen Tisch zwischen ihm und den beiden Polizisten.

Nach minutenlangem Schweigen fängt der Alte an zu erzählen: »Ich hasse Kinder! Ich habe sie noch nie wirklich gemocht. Diese halslosen Ungeheuer mit ihren falschen Blicken. Wenn sie so schauen, könnte man fast meinen, sie wären die artigsten Kinderlein dieser Welt. Sind sie aber nicht. In ihren kleinen Köpfen braut sich ständig irgendeine Gemeinheit zusammen. Sie mögen glauben, dass ich das nicht durchschaue. Pah! Ich bin der Weihnachtsmann. Ich durchschaue alles.

Das wird immer schlimmer. Ich erinnere mich an Zeiten, da haben die Kinder noch an mich geglaubt. Sie taten wenigsten vor Weihnachten so, als würden sie artig sein. Manche gaben sich redlich Mühe, ihr wahres Naturell zu unterdrücken. Sie haben sogar Gedichte auswendig gelernt und aufgesagt.

Diese Zeiten sind vorbei. Erst haben sie aufgehört an mich zu glauben. Dann haben sie jeglichen Respekt verloren.« Der alte Mann atmet schwer durch.

»Ich habe einfach keine Lust mehr auf dieses blödsinnige Geschenkeverschenken. Keiner von den Kids verdient auch nur das, was ich ihnen schenken muss. Aber Wunschzettel können sie schreiben. Ohne Ende! Voller Rechtschreibfehler und mit Sauklauen.

Ich habe mich entschlossen, damit aufzuhören. Es ist eh sinnlos. Nur, wie sollte ich es anstellen? Einfach so wegbleiben? Das hätte am Ende kaum einer bemerkt.

Da ist mir ein Gedanke gekommen: Eine Entführung sollte es sein. Dann hätte sich die Welt mal wieder an mich erinnert. Dann wären die Ungläubigen endlich wieder überzeugt, dass es mich wirklich gibt und dass ich nicht nur ein alter Zausel bin, der sich die Rente mit dem wohl blödsinnigsten Job der Welt aufbessert.« Wieder holt der Alte laut Luft und bläst sie wieder aus.

»Die Welt sollte davon erfahren. Deswegen habe ich mich bei verschiedenen Fernsehanstalten gemeldet und habe Ihnen eine Story geboten. Die meisten haben abgesagt. Nur dieser kleine Hausfrauensender war bereit mitzumachen. Sie haben mir Geld geboten, doch ich wollte nur ein Fluchtauto haben: einen alten Ami-Flitzer.«

»Dann waren die beiden Personen vom Sender?«, hakt Daniel nach.

»Sie haben mich zu dem Wagen geführt. Den Rest der Geschichte kennen Sie ja«, nickt der alte Mann.

»Warum ausgerechnet einen alten Mustang? Ein untauglicheres Fahrzeug können Sie bei Schnee wohl kaum bekommen«, wundert sich Daniel.

»Ach, das ist eine der Schwächen eines uralten Mannes. Die Kinder bekommen kleine Spielzeugautos. Ich wollte ein großes«, erklärt der Alte sentimental.

»Und was wird nun aus Weihnachten?«, will der andere Polizist wissen.

Der Alte räuspert sich: »Weihnachten? Nein, dieses Jahr fällt Weihnachten aus. Keine Bescherung. Kein Weihnachtsmann. Keine Geschenke. Und nächstes Jahr auch nicht. Nie mehr wieder. Ich schmeiße hin. Endgültig.«

 

***

 

Daniel und Jakob sitzen im Wagen und fahren nach Hause durch die verschneite Winternacht.

»Du glaubst ihm nicht, stimmt’s?«, fragt Jakob.

»Wer glaubt schon an den Weihnachtsmann?«, gibt Daniel bekannt.

»Was wird nun aus ihm?«

»Die Kollegen haben ihn erst einmal festgesetzt. Alles Weitere muss ein Richter entscheiden. Entweder dieser Mann ist nicht ganz bei Trost oder er ist ein ganz ausgebuffter Hochstapler. Weihnachtsmann. Hah, dass ich nicht lache!«

»Wenn er es nun aber doch ist? Was wird denn aus Weihnachten? Was wird aus den Geschenken?«

»Fängst du jetzt auch schon damit an?«

Jakob legt seine Hand auf Daniels Oberschenkel und erklärt freudestrahlend: »So, jetzt fahren wir schnell nach Hause. Ich habe vorhin noch ein paar Kekse gebacken. Ich koche uns noch einen leckeren Schlummertee und denn gehen wir ins Bett und nehmen uns erst einmal einen Mitternachtssnack. Schließlich ist ja trotz allem Weihnachten.«

»Auja. Und dann?«, grinst Daniel seinen Freund an.

»Dann zeigt mir der Weihnachtsmann seine Rute«, erklärt Jakob schelmisch.

»Oh, dann müssen wir noch einmal auf die Wache. Dort muss der Weihnachtsmann nämlich heute übernachten.«

Jakob kichert und kneift Daniel ins Bein. »Du Blödmann. Heute Nacht bist du mein Weihnachtsmann.«

Der Schneesturm hat nachgelassen. Die Nacht ist kalt, der Himmel wolkenlos und voller Sterne. Zwei Schnuppen huschen vorüber. Sie kündigen die Erfüllung zweier Wünsche an. Zwei verliebte Männer fahren über verschneite Straßen nach Hause.

 

Diese Geschichte habe ich auf www.nickstories.de zur Weihnachtschallenge 2015 eingereicht. Vorgaben für diese Weihnachtschallenge waren drei Textbestandteile, von denen einer verwendet werden sollte. In meinem Beitrag ist es die Eilmeldung. Zudem sollten aus einer Wörterliste mindestens sieben und maximal acht Wörter vorkommen. Die gewählten Wörter nur ein einziges Mal benutzt werden.

Wörterliste: Rentier, Weihnachtsbaum, Plätzchen, Lichterkette, Luftpumpe, Sportwagen, Essstäbchen, Tablet, Ventilator, Hinterhof, Schallplatte, Justin Bieber, Walkman, Karaoke, Jungle Bells

BESONDERER BESUCH

Die Rowohlt Verlagsgruppe hat zu einem Wettbewerb aufgerufen, an dem ich teilgenommen habe.

Aus den Einsendungen sind vier Geschichten von einer Fachjury ausgewählt worden, die dann jeweils eine an den Adventssonntagen zum Download bereitgestellt werden.

Vorgaben: die ersten vier Absätze als Beginn, Limit: 10.000 Zeichen inklusive Leerzeichen.

Heiligabend.

»Was an diesem Tag ist eigentlich genau heilig?«, stöhnt Frida, als sie mit Mühe einem Stapel Geschenke für die Kinder ausweicht, der das ganze elterliche Schlafzimmer in Besitz zu nehmen droht. Im Geiste geht sie zum wiederholten Mal ihre To-Do-Liste durch: Aufräumen. Gänsebraten und Kartoffelknödel zubereiten. Tisch decken. Dafür sorgen, dass alle ein unvergessliches Weihnachtsfest erleben. Wie immer. Die Frida, die macht das schon, – was ist sie nur für eine wunderbare Gastgeberin! Stets freundlich, gut gelaunt – ganz die perfekte Ehefrau und Mutter.

Den ganzen Vormittag ist sie schon allein in ihrem Häuschen am Stadtrand von Berlin, das Jan für sie beide ausgesucht hatte. Sie erinnert sich noch genau an seine Worte, fünf Jahre müsste das jetzt auf den Tag genau her sein: »Jetzt, wo du schwanger bist, brauchen wir etwas Größeres.«

Sie hat zugestimmt. Vielleicht hat sie in letzter Zeit etwas zu oft ›ja‹ gesagt. Ja, geh nur vormittags mit den Kindern auf den Weihnachtsmarkt, ich schaffe das hier schon. Ja, laden wir doch Oma Anita und Opa Bernd an Weihnachten zu uns ein. Klar kann dein Bruder David auch kommen. David, der sich hier wie jedes Jahr einnistet, keine Geschenke für die Kinder dabei hat und das ganze Haus durch seine arrogante Art einzunehmen scheint. Sie fröstelt bei dem Gedanken an ihren Schwager …

Ihr Blick bleibt an der roten Küchenuhr hängen, die ihre besten Tage hinter sich hat. Im Grunde bin ich wie diese Küchenuhr, sagt Frida laut und erschrickt, als ihre Stimme im leeren Haus hallt. Sie streicht sich mit der Hand über die Stirn, ganz so als könnte sie die Gedanken einfach fortwischen.

Das laute Schrillen der Türglocke holt sie abrupt in die Realität zurück. Ausgeschlossen, dass es schon die Familie ist. Hierhin verirrt sich doch eigentlich keiner – schon gar nicht an Heiligabend, seufzt Frida und öffnet langsam die Tür.

»David, was machst du denn schon hier?«, ruft sie ihrem Schwager entgegen, der sich an ihr vorbei ins Haus drängelt.

»David? Wer ist das?« Frida blickt ungläubig in das verängstigte Gesicht eines kleinen Mädchens, das er an der Hand mit hineingezogen hat.

»Sie heißt Djamila und kommt aus Syrien«, lächelt David.

»Und? Was macht sie hier, außer sich aufwärmen?«

»Genau das. Sie hat so entsetzlich gefroren. Und sie hat bestimmt auch Hunger.«

»Da hast du dir gedacht, die bring ich mit zu Frida und Jan. Die haben immer so viel übrig«, entgegnet sie gereizt. Um das Mädchen nicht zu verunsichern, beugt sie sich ein wenig herunter und fragt das Mädchen freundlich: »Möchtest du etwas trinken? Einen warmen Tee vielleicht?«

»Sie versteht dich nicht, Frida«, klärt David seine Schwägerin auf.

»Klar, sie kann kein deutsch. – Wie bist du an dieses Mädchen geraten? Wo sind ihre Eltern?«, will Frida wissen.

»Du weißt doch, ich arbeite in einer Hilfsorganisation mit. Gestern haben wir die Notunterkunft in der alten Fabrik eingerichtet. Die Flüchtlinge, die dort untergebracht werden sollen, haben mitgeholfen. Es waren viele Kinder dabei. Unter ihnen Djamila. Wir wissen nicht, wo ihre Eltern sind.«

Frida stockt der Atem. »Das arme Ding!«

»Nachdem wir gestern fertig waren, kam uns die Idee, dass es doch schön wäre, wenn wir einige zum heiligen Abend mit nach Hause nehmen und mit ihnen feiern würden. Ich habe mich erst gesträubt. Doch dann kam Magda auf die Idee, ich solle Djamila mitnehmen. Sie wusste ja, dass ich bei euch sein würde und dass ihr zwei Kinder im selben Alter habt.

Nun ja, da war das dann beschlossen. Ich konnte einfach nicht nein sagen. Schau dir ihre traurigen Augen an.«

»So so, das war dann beschlossen. Ohne uns zu fragen!« Ihre Gefühle pendeln zwischen Erstaunen, Entsetzen und Mitgefühl.

»Ich hätte nicht gedacht, dass du dich so haben wirst. Sie hat doch niemanden mehr«, gibt sich David enttäuscht.

Frida holt tief Luft: »Du verstehst mich mal wieder falsch. Du hättest uns nur vorher Bescheid sagen sollen.«

»Was hätte das geändert? Wegen Jan? Den überzeuge ich. Der hat bestimmt nichts dagegen.«

»Nein«, wirft sie ein, »wegen eurer Eltern. Die sind sehr konservativ.«

»Und sehr christlich. Da können sie uns ihre Nächstenliebe einmal beweisen«, kontert er.

Frida geht zur Küchentür, dreht sich um und winkt Djamila zu sich heran. Lächelnd hält sie dem kleinen Mädchen eine Flasche Orangesaft hin. Djamila nickt. Frida füllt Saft in ein Glas und reicht es ihr.

Dann prüft sie den Gänsebraten im Ofen und bereitet Kloßteig vor. Djamila schaut ihr dabei neugierig zu.

»Ja, meine Kleine. Da haben wir Glück, dass wir genügend Gänsekeulen und -brüste haben. So bekommt jeder was ab«, sagt sie zu sich, wohl wissend, dass Djamila sie nicht verstehen würde.

»Kann ich dir bei irgendetwas helfen, Frida?«, ruft David aus dem Wohnzimmer.

»Ja, nur komm bitte nicht in die Küche. Das hier schaffe ich noch ohne dich. Kümmere dich um das Mädchen«, entgegnet sie und bemüht sich sehr, nicht genervt zu klingen.

David kommt an die Küchentür und winkt Djamila zu sich heran. Sie folgt ihm ins Wohnzimmer.

So, denkt Frida, Endspurt, bald kommen meine Liebsten und die Schwiegereltern.

Jan und Florian mögen es gern sehr knusprig. Sie holt eine der beiden Pfannen aus dem Backofen und schiebt sie eine Etage höher wieder hinein. Keulen für Flo und Brust für Jan. Wie sich das verändert hat. Früher wollte Flo immer an die Brust, heute braucht er eher meine Fittiche. Ganz anders bei Jan. Sabine mag es irgendwie zwischen kross und weich, Hauptsache viel zartes Fleisch und bloß nicht mit den Fingern essen müssen. Sie sieht ihre Tochter angewidert den Kopf schütteln. Oma mag es gar nicht knusprig, eher schlabberig. Nun ja, die Zähne. Opa ist sehr genügsam, der isst alles. David ist Veganer, der bekommt Gemüse und Klöße.

Sie schöpft mit einer Kelle etwas Soße und begießt die unteren Gänseteile damit. Zweimal, dreimal, viermal, so, das reicht. Ofen zu und weiter zu den Knödeln.

Zwischendurch wirft sie einen Blick ins Wohnzimmer: David sitzt auf dem großen Sessel, Djamila auf seinem Schoß. Er zeigt ihr Bilder in einem alten Kinderbuch. Wie süß, findet Frida, seit wann kann der mit Kindern?

Weiter mit den Klößen. Grün- und Rotkohl können auch angestellt werden. Sie werkelt in der Küche und lässt ihren Gedanken freien Lauf. Ach ja, Weihnachten ist das Fest der Liebe. Jan flüchtet sich immer mit den Kindern auf den Weihnachtsmarkt. Und David entdeckt seine Liebe zu Flüchtlingskindern.

Das Garagentor geht hoch. Ein Auto fährt ein. Viele Türen werden zugeschlagen. Kinderlachen dringt ins Haus. Dann stürmen auch schon die Kinder herein.

»Hallo Mama!«, rufen sie ihr zu.

»Stiefel aus!«, begrüßt sie ihre Liebsten.

Zu spät. Während zwei gut gelaunte Kinder sich ungelenk in der Küche ihre Anoraks ausziehen und aufgeregt von Süßigkeiten, Karussell, Kinderpunsch und Weihnachtsgeschenken erzählen, küsst und umarmt sie der beste Ehemann der Welt.

Jan geht zurück in die Diele und ruft seine Kinder zu sich: »Florian, Sabine, kommt her, Stiefel ausziehen, Jacken anhängen. Und dann müsst ihr noch den Dreck wieder wegwischen.«

»Ooch, Papa«, nölt Sabine, »Gleich kommen doch Oma und Opa. Die bringen bestimmt wieder Dreck mit rein, weil Oma ihre Stiefel nicht ausziehen will.«

Sie hat so recht. Was soll man sagen, Oma friert eben immer an den Füßen.

»Nein«, wirft Jan dazwischen, »ich habe meinen Eltern gefütterte Hausschuhe vom Weihnachtsmarkt mitgebracht. Wer darin friert, lebt nicht mehr.«

Immer wieder gelingt es ihm, sie daran zu erinnern, warum sie ihn nach all den Jahren immer noch liebt.

»Hallo, Onkel David!«, erschallt Florians Stimme aus dem Wohnzimmer. Doch ehe er auf ihn zustürmt, entdeckt er das kleine schwarzhaarige Mädchen auf seinem Schoß. »Ääh, wer ist das denn?«

»Hallo Flo, mein Lieblingsneffe. Das ist Djamila. Sie kommt aus Syrien.«

»Wo ist Syrien?«, will Sabine wissen.

»Mensch, bist du blöd! Das liegt bei Israel«, schlaumeiert Florian.

Frida widmet sich augenrollend wieder den Gänseteilen im Backofen. Ein wenig mehr Oberhitze für ihre Jungs. Ein wenig Bratensaft für Omas dritte Zähne.

Jan ermahnt seinen Sohn, netter zu seiner Schwester zu sein.

»Israel?«, fragt sie nach. »Das ist doch, wo Jesus herkommt.«

Es klingelt. Jan lässt seine Eltern herein. Unwillig tauscht seine Mutter ihre Stiefel gegen gefütterte Hausschuhe. Sein Vater macht es ihr gleich.

»Setzt euch doch schon mal an den Tisch«, schlägt er vor.

Florian und Sabine kommen angerannt und klammern sich lauthals an Oma und Opa. David steht am Esstisch, neben ihm Djamila.

»Hallo, David, schön, dass wir uns mal wieder sehen. Wen hast du denn da bei dir?«, begrüßt ihn seine Mutter.

»Hallo Mama, das ist Djamila aus Syrien. Sie feiert dieses Jahr mit uns«, erklärt er.

»Aha. Wir hatten ja keine Ahnung. Hoffentlich hat der Weihnachtsmann auch für sie ein Geschenk«, sagt sie enttäuscht.

»Wenn er für sie nichts hat, dann schenke ich ihr meine Wollmütze vom letzten Jahr. Ich habe doch so viele«, erklärt Sabine.

»Von mir kann sie einen Schal haben«, ereifert sich Florian.

»Jetzt setzt euch aber erstmal an den Tisch. Die Gänse werden sonst noch kalt«, fordert Frida. So schön einträchtig, wie sie ihre Familie gerade auch erlebt, Gans muss heiß gegessen werden. Was soll der Gast aus der Ferne denken?

Kaum sitzen alle, greifen sie sich an den Hände. Djamila zögert kurz, dann fasst sie Davids Hand zu ihrer Linken und Sabines rechts. Wie jedes Jahr fängt Opa an, ein Gebet zu murmeln. Florian schaut verstohlen zu Djamila.

Nachdem Opa »Amen« gesagt hat, will Florian wissen: »Glaubt Djamila eigentlich auch an Gott?«

Oma zuckt die Schultern.

David erklärt: »Bestimmt. Sie ist eine Muslima.«

»Was ist eine Muslima?«, fragt Florian nach.

»Das ist jemand, die ein bisschen anders an Gott glaubt als wir. Muslime nennen ihn Allah.«

»Ach, so Islamisten?«, ruft Sabine aus.

»Nein, Bine« setzt Jan ein, »Islamisten glauben nicht an Gott und auch nicht an Allah. Islamisten wollen uns nur Angst machen.«

Sabine ist beruhigt: »Dann können wir alle zusammen feiern. Und der Weihnachtsmann MUSS allen etwas schenken.«

»Später. Jetzt wollen wir erstmal essen«, drängt Frida.

 

Meinen Herzlichen Glückwunsch den vier Gewinnern!

BESTE FREUNDE

Jonas

 

Es muss an einem Freitag irgendwann in der Oberstufe gewesen sein, da sah ich ihn das erste Mal. Mit seinen dunkelbraunen Locken, seiner schlaksigen Figur, dem knallbunten Strickpullover und den geputzten Lederschuhen war er mir vorher noch nie aufgefallen. Er war wohl neu an unserem Gymnasium. Meiner Klasse gehörte er jedenfalls nicht an.

An jenem Freitag sah ich ihn, wie er einen riesigen Stapel Bücher quer über den Schulhof schleppte. Er war wohl auf dem Weg nach Hause.

Ich dachte mir, warum wohl jemand seine ganzen Bücher an einem Freitag nach Hause brachte? Das musste ein richtiger Dummkopf sein. Eine ganze Weile beobachtete ich ihn aus sicherer Entfernung. Ich konnte es nicht leugnen: Er gefiel mir. Ich wusste nicht genau was es war: Dieser Junge zog mich einfach an. Mein Wochenende hatte ich schon verplant mit meinen Freunden. So zuckte ich mit den Schultern und ging schließlich weiter.

Dann bemerkte ich eine Gruppe Mitschüler, die in seine Richtung liefen. Sie rempelten ihn an, schlugen ihm seine Bücher aus den Armen und schubsten ihn, so dass er auf den Schotter fiel. Seine Brille flog durch die Luft und landete etwa drei Meter neben ihm auf dem Boden.

Da lag er, um ihn herum verstreut seine Bücher. Die Brille außer Reichweite. Es dauerte ein paar Sekunden, bis er aufschaute und in meine Richtung blickte. Da sah ich diese unglaubliche Traurigkeit in seinen Augen.

Mein Herz wurde weich. Ich wollte ihm unbedingt helfen und ging zu ihm hinüber. Er kroch am Boden umher und suchte seine Sehhilfe. Ich bemerkte die Tränen in seinen hübschen Augen. Als ich ihm seine Brille gab, sagte ich: »Diese Typen sind Blödmänner.«

Er schaute zu mir hoch, setzte das Horngestell auf und brachte ein leises »Danke« hervor.

Ein scheues Lächeln umspielte seine braunen Augen. Sein trauriges Gesicht strahlte eine wahrhafte Dankbarkeit aus. Diese Augen! Sie schienen mich einen Moment lang zu hypnotisieren. Ich schüttelte mich und half ihm, seine Bücher aufzusammeln.

»Ich bin Clemens. Und wie heißt du?«, wollte ich wissen.

»Jonas«, gab er bekannt und wagte kaum, mich anzusehen. Dennoch blieb mir die Traurigkeit in seinen Augen nicht verborgen. Und noch etwas spürte ich, ohne es einordnen zu können.

»Wo wohnst du?«, wollte ich das Gespräch am Laufen halten.

Er wohnte ganz in meiner Nähe, wie er mir stimmlos verriet.

»Komisch, dass wir uns noch nie vorher begegnet sind. Hast du dich versteckt?«

Da war es wieder, das unwiderstehliche Lächeln aus tieftraurigen Augen. Er erzählte mir, dass er bisher in eine Privatschule gegangen wär. Ich hätte mich nie freiwillig mit einem Privat-Schul-Schüler abgegeben. Nicht, dass ich etwas gegen sie gehabt hätte, nur hatte sich mir die Frage bisher nicht gestellt. Ich hatte bis eben keinen von einer Privatschule gekannt.

Während des ganzen Heimwegs unterhielten wir uns. Ich half ihm, seine Bücher tragen. Langsam taute er auf. Seine Augen begannen leicht zu funkeln hinter den dicken Brillengläsern. Er war eigentlich ein richtig cooler Kerl, den ich irgendwie mehr als mochte.

Kurz vor seinem Elternhaus fragte ich ihn schließlich, ob er nicht Lust hätte, mit mir und meinen Freunden am Samstag Fußball zu spielen. Zunächst schaute er mich mit seinen traurigen Augen an. Ich befürchtete schon, er würde ablehnen. Schließlich sagte Jonas zu. Dann gab ich ihm seine Bücher und verabschiedete mich von ihm: »Bis morgen um zehn am Sportplatz, dann!«

Lächelnd ging er durch den Vorgarten zum Haus, und ich machte mich nachdenklich auf den Rest meines Weges. Jonas‘ Augen hatten sich fest in mein Gedächtnis gebrannt. Dieses Lächeln und diese Traurigkeit ließen mir keine Ruhe.

 

Freundschaft

 

Jonas und ich verbrachten das ganze Wochenende zusammen. Den ganzen Samstag spielten wir Fußball mit meinen Freunden. Am Sonntag fuhren wir mit den Rädern zum See und angelten. Wir saßen nebeneinander auf einem Steg, ließen unsere Füße ins Wasser baumeln und sprachen über dieses und jenes oder alberten einfach nur so herum.

Wir konnten wirklich über dieselben Witze lachen, kannten dieselben Lieder und mochten dieselben Gruppen. Wir verstanden uns prächtig. Klar, dass wir an jenem Tag keine Fische fingen. Wir waren einfach zu ausgelassen und unkonzentriert.

Am Montagmorgen stand ich vor der Schule und quatschte mit zweien meiner Klassenkameraden. Kurz vor Unterrichtsbeginn tauchte Jonas auf. Mit einem riesigen Stapel Bücher lenkte er seine Schritte zum Haupteingang.

Als er an mir vorbeigehen wollte, begrüßte ich ihn: »Oh Mann, mit diesen ganzen Büchern wirst du eines Tages noch mal richtige Muskeln bekommen.«

Er lachte und gab mir einen Teil der Bücher. Dann folgte ich ihm ins Schulhaus bis zu seinem Spind, wo wir die Literatur verstauten.

»Das war echt ein tolles Wochenende mit dir. Danke, nochmal«, strahlte er mich an. Dabei blickte er mich mit seinen faszinierenden Augen an, die ohne Traurigkeit noch viel hübscher waren.

Seitdem trafen wir uns fast jedes Wochenende und unternahmen irgendetwas oder hingen einfach nur ab und hörten Musik. Je mehr ich Jonas kennenlernte, desto mehr mochte ich ihn. Wir wurden die dicksten Freunde und kamen uns sehr nahe. Alle meine anderen Freunde dachten genauso über ihn. Er gehörte recht schnell einfach dazu.

Im Laufe der Zeit formte sich nicht nur seine Selbstsicherheit aus, auch ich fühlte mich immer mehr wie ein Mann. Gemeinsam wurden wir erwachsen. Jonas und ich waren das Dreamteam der Schule und unseres Freundeskreises. Mehr ist nie daraus geworden. Was heißt mehr? Wir waren die besten Freunde der Welt, was wollten wir mehr?

Irgendwann näherte sich unsere Schulzeit dem Ende. Das Abitur war zum Greifen nah. Und damit begannen wir, Zukunftspläne zu schmieden. Schnell wurde uns klar, dass wir trotz aller Gemeinsamkeiten unterschiedliche Lebenswege beschreiten würden: Jonas wollte Arzt werden und mich interessierte mehr die Geschichte und die Archäologie. Wahrscheinlich würden wir sogar in verschiedenen Städten studieren.

Wir wussten beide, dass wir immer Freunde bleiben würden. Und egal wie viele Kilometer uns auch trennen sollten, unsere Freundschaft könnte keine Entfernung dieser Welt zerstören.

 

Abschlussrede

 

Schließlich absolvierten wir unser Abitur. Jonas war der Jahrgangsbeste. Ich war auch mehr als zufrieden mit meinen Ergebnissen. Zu meinem großen Erstaunen meldete er sich freiwillig, um die Abschlussrede als Schülervertreter zu halten. Selbstsicher war er geworden in den letzten beiden Jahren. Dass er sich das aber trauen würde?

Ich neckte ihn die ganze Zeit, indem ich ihn beschwor, er sei ein Dummkopf. Er hatte nun eine Rede für den Schulabschluss vorzubereiten. Ich war insgeheim froh, dass ich nicht derjenige war, der sprechen sollte. Gleichzeitig empfand ich so etwas Ähnliches wie Stolz für ihn.

Am Abschlusstag stand ich natürlich die ganze Zeit mit Jonas und einigen anderen. Wir hatten uns alle ordentlich in Schale geworfen: wir Jungs natürlich Anzug und Hemd, die Mädels mehr oder minder elegante Abendkleider. Schließlich würden wir heute die Eintrittskarten in unsere Zukunft überreicht bekommen. Wir hatten sämtlichst hart dafür gearbeitet.

Jonas sah großartig aus. Das taten wir alle. Nur er eben ganz besonders. Er war einer von denen, die während der Schule zu sich selber fanden und ihren eigenen Stil entwickelten. Die Mädchen umschwärmten ihn, dass ich fast schon neidisch war. Er unterhielt sich galant mit ihnen, ließ sie aber der Reihe nach abblitzen. Er war ein Meister des Small-Talks.

So auch heute. Es schien mir, dass er seine Nervosität vor seinem großen Auftritt durch möglichst viel belangloses Gerede herunterkühlen wollte. Ich bemerkte deutlich seine Unruhe. Kein Wunder, kannten wir uns doch nahezu in- und auswendig.

Dann war es soweit. Nach der Übergabe der Abiturzeugnisse, bei der jedem ein paar wohlgemeinte Ratschläge und kluge Bonmots mit auf den Weg gegeben wurden, war Jonas an der Reihe. Deutlich erkannte ich seine weichen Knie. Ich gab ihm einen vorsichtigen Klaps auf den Hintern und raunte ihm zu: »Hey, Mann, du wirst großartig sein!«

Er sah mich mit einem jener wirklich dankbaren Blicke an und lächelte: »Danke.«

Dann schritt er zum Rednerpult, räusperte sich kurz und fing an:

»Der Abschluss ist ein Zeitpunkt, um denen zu danken, die uns geholfen haben, diese schweren Jahre zu überstehen. Unseren Eltern, unseren Lehrern, unseren Geschwistern, vielleicht auch einem Trainer. Der größte Dank gilt aber unseren Freunden.

Ich sage euch, das beste Geschenk, dass ihr jemandem geben könnt, ist eure Freundschaft. Lasst mich euch eine Geschichte erzählen.«

Jonas fixierte mit seinen durchdringenden Augen einen Punkt an der gegenüberliegenden Seite der Aula. Ich schaute ihn ungläubig an, als er von dem Tag erzählte, an dem wir uns das erste Mal trafen.

Dann erzählte er mit fester Stimme von seinem Vorsatz, sich an jenem Wochenende umzubringen. Ich hielt die Luft an.

Er berichtete weiter, dass er seinen Schrank in der Schule ausgeräumt hätte, damit es seine Mutter nicht später machen müsste, und wie er sein Zeug nach Hause schleppen wollte.

Mein Atem ging immer noch unregelmäßig, als er mich anschaute.

Lächelnd fuhr Jonas fort: »Gott sei Dank: Ich wurde gerettet. Mein bester Freund hat mich vor dieser unsäglichen Sache bewahrt.«

Ich spürte, wie die Anwesenden im Saal den Atem anhielten, als dieser gutaussehende und so beliebte Junge uns von dem schwächsten Augenblick in seinem Leben erzählte.

Unvermittelt blickte ich in das Gesicht seiner Mutter, die zu mir herüber lächelte. Genau dasselbe, dankbare Lächeln. Genau die gleichen braunen Augen, die mich zum Schmelzen brachten. Niemals zuvor hatte ich solch eine tiefe Verbundenheit gespürt.

Für den Bruchteil einer Sekunde herrschte eine gespenstische Stille in der großen Schulaula, nachdem Jonas seine Rede beendet hatte. Dann brandete ein nicht enden wollender Applaus los.

Den ganzen Abend haben wir bis tief in die Nacht uns und unser Abitur gefeiert. Jetzt waren wir so richtig erwachsen. Die Welt wartete nur auf uns. Die Zukunft hatte begonnen. Unsere Eltern hatten das Fest früh verlassen. Wir Schüler bleiben bis fast zum Morgengrauen.

Auf dem gemeinsamen Weg nach Hause, setzten Jonas und ich uns auf eine Bank nahe dem Fußballplatz. Lange Minuten saßen wir still nebeneinander. Dann nahm ich seine Hand und drückte sie fest.

»Clemens«, setzte er leise an, »ich werde einen Studienplatz in Melbourne annehmen.«

Ich schwieg. Eine Träne löste sich aus meinem linken Auge und rann meine Wange hinab.

»Ich fliege morgen schon ab«, flüsterte er.

»Das heißt, das war heute unser letzter Abend?«, fragte ich ungläubig. Jonas nickte.

»Irgendwann musste dieser Augenblick ja kommen. Nur hätte ich nicht gedacht, dass es so bald sein würde und so weit weg«, murmelte ich und zog die Nase hoch.

»Clemens.«

»Jonas?«

»Du bist das Beste, was mir je passieren konnte. Du weißt das?«

Wir erhoben uns und fielen uns weinend in die Arme.

»Versprich mir, dass du mich besuchen kommst«, schluchzte er.

»Ja, was glaubst denn du?«, erwiderte ich.

Die Sonne ging schon auf und färbte den Himmel rot, als wir uns endlich voneinander lösten und heimwärts strebten.

Tags drauf begleiteten ich und seine Eltern ihn zum Flughafen. Wir sprachen nicht viel, hielten uns nur ganz fest. 35 Minuten später verließ er mich durch die Passkontrolle. Ein letzter Blick, ein letztes Winken. Tränen.

 

Abspann

 

Wir haben uns noch lange Briefe geschrieben und Fotos geschickt. Begegnet sind wir uns nie wieder. Vergessen habe ich ihn nie: meinen besten Freund Jonas.

Viel hatte ich damals gelernt. Wichtiger als das gesamte Schulwissen und auch meine vielen wissenschaftlichen Forschungsergebnisse ist eine Erkenntnis, die ich dem Zusammentreffen mit Jonas zu verdanken habe: Unterschätze niemals die Macht deines Handelns. Durch eine kleine Geste, durch ein einmaliges beherztes Zupacken kannst du das Leben eines Menschen ändern. Zum Guten oder zum Bösen. Das Schicksal setzt uns alle ins Leben derjenigen, denen wir begegnen, um uns gegenseitig zu beeinflussen, auf eine ganz besondere Art und Weise.

Auf meinem Tisch liegt ein Brief aus Australien, den ich heute Nachmittag aus dem Briefkasten genommen habe. Ich habe ihn noch nicht geöffnet …

 

 

BEGEGNUNG VOR DEM SUPERMARKT

Auf dem Weg zum Büro halte ich beim Supermarkt an. Milch und Kaffee besorgen. Ich stelle mein Auto auf dem nächstbesten Parkplatz ab – direkt vor das kleine blaue Schild mit dem Kinderwagen drauf und den Wörtern „Eltern Kind Parkplatz“. Ansonsten sind von 50 Stellplätzen vielleicht zehn belegt.

Von schräg hinten höre ich eine Stimme. Ich strebe zum Eingang des Supermarktes. Die stimme ruft wieder.

Ich drehe mich um und schaue die Dame mit dem Fahrrad und dem Kinderanhänger fragend an.
„Das ist ein Elternparkplatz. Sie haben ja gar kein Kind dabei!“, maßregelt sie mich.
„Oh scheiße“, rufe ich laut aus, „mein Kind! Mein Kind ist weg!“

Ohne weitere Beachtung betrete ich den Supermarkt.

Moral:
Die wichtigste Mahlzeit am Tag ist ein Clown.