BASTIANS TRAUM: LESEPROBE 2

Cassio riss die Augen auf und starrte an die Decke. Krampfhaft versuchte er, sich auf seinen Traum zu konzentrieren, nur um ihn nicht wieder sofort zu vergessen. Er hatte das Gefühl, etwas unglaublich Wichtiges herausgefunden zu haben, nur hatte er keine Vorstellung, was es war.

Dann schwirrte ihm ein ganz anderer Gedanke im Kopf umher. Vorausgesetzt, das hier war mehr ein Traum als Realität, wäre die Tür jetzt nicht versperrt. Er setzte sich auf und blickte zur Tür. Bereit, aufzustehen und die Hand nach dem Knauf auszustrecken, hörte er auch schon rasch näher kommende Schritte. Schnell zog er die Hand zurück. Aus irgendeinem Grund wusste er, wer gleich ins Zimmer treten würde.

»Ich sehe, du hast dich ein wenig amüsiert. Was soll’s, ich hab genug von dem Zeug«, sagte Voland ruhig, während er stirnrunzelnd eintrat.

Dann fiel sein Blick auf den am Boden liegenden Becher.

»Geht man so mit einem Geschenk um?«

Voland wirkte kurz, als würde er gleich unglaublich wütend werden, sein Gesicht entspannte sich jedoch und er wurde schlagartig wieder sanft.

»Ich weiß, wie du dich fühlst. Das erste Mal kann einen schon aus der Fassung bringen. Mit der Zeit gewöhnst du dich daran und dann wirst du an den heutigen Tag zurückdenken und dir wünschen, du könntest es noch einmal so intensiv erleben. Glaub mir, ich weiß wovon ich spreche.«

»Ich sehe keinen Grund, warum so etwas noch einmal geschehen sollte«, sprach Cassio trotzig und blickte Voland geradewegs in die Augen. Der lächelte.

»Du kannst nicht mehr zurück. Du hast deinen Weg gewählt, und wenn du mich fragst, hast du dich richtig entschieden. Diese Welt besteht aus Starken und Schwachen. Was den Schwachen widerfährt, hast du selbst gesehen. Du könntest dir einreden, dass in jedem Menschen ein guter Kern steckt. Du könntest dir einreden, dass du Freunde hast. Du könntest dir sogar einreden, dass du ihnen irgendetwas bedeutest. Vielleicht glaubst du es dann irgendwann sogar. Oder du könntest der Wahrheit ins Gesicht sehen. Schließlich ist sich jeder selbst der Nächste. Auf wen konntest du dich bis jetzt verlassen? Wer hat dir geholfen, wer hat dich beschützt? Niemand! Bis jetzt. Ich kann dein Schutz sein – du musst es nur wollen.«

Damit setzte er sich neben Cassio aufs Bett.

»Und was willst du dafür?«

»Nichts, was du nicht auch willst.«

Cassio hatte wieder dieses seltsame Gefühl, diesen Voland schon ewig zu kennen.

»Warum willst du das tun?«

»Das ist unwichtig. Habe ich dich je belogen? Habe ich nicht immer alles getan, was du wolltest? Du wolltest stark sein, also habe ich dir Macht gegeben. Du wolltest dich an Jago rächen. Ich habe ihn dir ausgeliefert. Ich habe deine Erwartungen nie enttäuscht.«

Voland lächelte verschmitzt.

»Und jetzt willst du, dass ich dafür in deine Dienste trete.«

»Nein, nein. Ich will dir zu Diensten sein. Ich will dir helfen. Lass es einfach zu. Niemand wird dir wehtun, solange du auf mich hörst.«

Sanft strich er über Cassios rechte Wange. Voland war ein Lügner, dessen war er sich sicher. Cassio wusste, dass Voland allerdings in diesem Moment die Wahrheit sagte.

»Denkst du wirklich, dass ich so leicht zu knacken bin?«, setzte Cassio vorsichtig an.

»Wofür hältst du dich?«, fragte Voland wütend. »Glaub mir, es gibt genug andere, die ihr Leben lang auf so eine Chance warten. Ich brauche dich nicht, aber du brauchst mich. Ohne mich wärst du schon tot. Du bist verloren da draußen. Du schuldest mir etwas.«

Cassio versuchte, Volands Hand wegzustoßen, da packte der ihn unsanft am Handgelenk und hielt ihn fest.

»Denkst du etwa, du wärst besser als ich? Das bist du nicht. Das bist du nie gewesen. Jetzt bist du sogar ein Mörder. Glaubst du wirklich, es käme darauf an, wie viele man getötet hat? Hat es dir etwa keinen Spaß gemacht, sein Blut zu vergießen? Es spritzen zu sehen? Versteh mich richtig, es war nichts Falsches daran. In Wirklichkeit gibt es nämlich kein Richtig oder Falsch, kein Gut oder Böse. Es gibt nur Gewinner und Verlierer. So dumm kannst du doch nicht sein. Wie naiv bist du eigentlich?«

»Nicht naiv genug, um dir zu trauen.«

Cassio versuchte vergebens, Volands Blick standzuhalten.

»Wie du willst. Nur, wenn du nicht für mich bist, dann bist du gegen mich. Bis jetzt war ich sehr großzügig zu dir. Aber ich kann auch anders.«

Sein Gesicht verfinsterte sich. Cassio fühlte die ihn umgebende Kälte. Voland hielt ihn noch immer fest. Doch jetzt stand er auf und zerrte ihn hoch. Da war sie wieder, die Angst.

 

 

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