BESTE FREUNDE

Jonas

 

Es muss an einem Freitag irgendwann in der Oberstufe gewesen sein, da sah ich ihn das erste Mal. Mit seinen dunkelbraunen Locken, seiner schlaksigen Figur, dem knallbunten Strickpullover und den geputzten Lederschuhen war er mir vorher noch nie aufgefallen. Er war wohl neu an unserem Gymnasium. Meiner Klasse gehörte er jedenfalls nicht an.

An jenem Freitag sah ich ihn, wie er einen riesigen Stapel Bücher quer über den Schulhof schleppte. Er war wohl auf dem Weg nach Hause.

Ich dachte mir, warum wohl jemand seine ganzen Bücher an einem Freitag nach Hause brachte? Das musste ein richtiger Dummkopf sein. Eine ganze Weile beobachtete ich ihn aus sicherer Entfernung. Ich konnte es nicht leugnen: Er gefiel mir. Ich wusste nicht genau was es war: Dieser Junge zog mich einfach an. Mein Wochenende hatte ich schon verplant mit meinen Freunden. So zuckte ich mit den Schultern und ging schließlich weiter.

Dann bemerkte ich eine Gruppe Mitschüler, die in seine Richtung liefen. Sie rempelten ihn an, schlugen ihm seine Bücher aus den Armen und schubsten ihn, so dass er auf den Schotter fiel. Seine Brille flog durch die Luft und landete etwa drei Meter neben ihm auf dem Boden.

Da lag er, um ihn herum verstreut seine Bücher. Die Brille außer Reichweite. Es dauerte ein paar Sekunden, bis er aufschaute und in meine Richtung blickte. Da sah ich diese unglaubliche Traurigkeit in seinen Augen.

Mein Herz wurde weich. Ich wollte ihm unbedingt helfen und ging zu ihm hinüber. Er kroch am Boden umher und suchte seine Sehhilfe. Ich bemerkte die Tränen in seinen hübschen Augen. Als ich ihm seine Brille gab, sagte ich: »Diese Typen sind Blödmänner.«

Er schaute zu mir hoch, setzte das Horngestell auf und brachte ein leises »Danke« hervor.

Ein scheues Lächeln umspielte seine braunen Augen. Sein trauriges Gesicht strahlte eine wahrhafte Dankbarkeit aus. Diese Augen! Sie schienen mich einen Moment lang zu hypnotisieren. Ich schüttelte mich und half ihm, seine Bücher aufzusammeln.

»Ich bin Clemens. Und wie heißt du?«, wollte ich wissen.

»Jonas«, gab er bekannt und wagte kaum, mich anzusehen. Dennoch blieb mir die Traurigkeit in seinen Augen nicht verborgen. Und noch etwas spürte ich, ohne es einordnen zu können.

»Wo wohnst du?«, wollte ich das Gespräch am Laufen halten.

Er wohnte ganz in meiner Nähe, wie er mir stimmlos verriet.

»Komisch, dass wir uns noch nie vorher begegnet sind. Hast du dich versteckt?«

Da war es wieder, das unwiderstehliche Lächeln aus tieftraurigen Augen. Er erzählte mir, dass er bisher in eine Privatschule gegangen wär. Ich hätte mich nie freiwillig mit einem Privat-Schul-Schüler abgegeben. Nicht, dass ich etwas gegen sie gehabt hätte, nur hatte sich mir die Frage bisher nicht gestellt. Ich hatte bis eben keinen von einer Privatschule gekannt.

Während des ganzen Heimwegs unterhielten wir uns. Ich half ihm, seine Bücher tragen. Langsam taute er auf. Seine Augen begannen leicht zu funkeln hinter den dicken Brillengläsern. Er war eigentlich ein richtig cooler Kerl, den ich irgendwie mehr als mochte.

Kurz vor seinem Elternhaus fragte ich ihn schließlich, ob er nicht Lust hätte, mit mir und meinen Freunden am Samstag Fußball zu spielen. Zunächst schaute er mich mit seinen traurigen Augen an. Ich befürchtete schon, er würde ablehnen. Schließlich sagte Jonas zu. Dann gab ich ihm seine Bücher und verabschiedete mich von ihm: »Bis morgen um zehn am Sportplatz, dann!«

Lächelnd ging er durch den Vorgarten zum Haus, und ich machte mich nachdenklich auf den Rest meines Weges. Jonas‘ Augen hatten sich fest in mein Gedächtnis gebrannt. Dieses Lächeln und diese Traurigkeit ließen mir keine Ruhe.

 

Freundschaft

 

Jonas und ich verbrachten das ganze Wochenende zusammen. Den ganzen Samstag spielten wir Fußball mit meinen Freunden. Am Sonntag fuhren wir mit den Rädern zum See und angelten. Wir saßen nebeneinander auf einem Steg, ließen unsere Füße ins Wasser baumeln und sprachen über dieses und jenes oder alberten einfach nur so herum.

Wir konnten wirklich über dieselben Witze lachen, kannten dieselben Lieder und mochten dieselben Gruppen. Wir verstanden uns prächtig. Klar, dass wir an jenem Tag keine Fische fingen. Wir waren einfach zu ausgelassen und unkonzentriert.

Am Montagmorgen stand ich vor der Schule und quatschte mit zweien meiner Klassenkameraden. Kurz vor Unterrichtsbeginn tauchte Jonas auf. Mit einem riesigen Stapel Bücher lenkte er seine Schritte zum Haupteingang.

Als er an mir vorbeigehen wollte, begrüßte ich ihn: »Oh Mann, mit diesen ganzen Büchern wirst du eines Tages noch mal richtige Muskeln bekommen.«

Er lachte und gab mir einen Teil der Bücher. Dann folgte ich ihm ins Schulhaus bis zu seinem Spind, wo wir die Literatur verstauten.

»Das war echt ein tolles Wochenende mit dir. Danke, nochmal«, strahlte er mich an. Dabei blickte er mich mit seinen faszinierenden Augen an, die ohne Traurigkeit noch viel hübscher waren.

Seitdem trafen wir uns fast jedes Wochenende und unternahmen irgendetwas oder hingen einfach nur ab und hörten Musik. Je mehr ich Jonas kennenlernte, desto mehr mochte ich ihn. Wir wurden die dicksten Freunde und kamen uns sehr nahe. Alle meine anderen Freunde dachten genauso über ihn. Er gehörte recht schnell einfach dazu.

Im Laufe der Zeit formte sich nicht nur seine Selbstsicherheit aus, auch ich fühlte mich immer mehr wie ein Mann. Gemeinsam wurden wir erwachsen. Jonas und ich waren das Dreamteam der Schule und unseres Freundeskreises. Mehr ist nie daraus geworden. Was heißt mehr? Wir waren die besten Freunde der Welt, was wollten wir mehr?

Irgendwann näherte sich unsere Schulzeit dem Ende. Das Abitur war zum Greifen nah. Und damit begannen wir, Zukunftspläne zu schmieden. Schnell wurde uns klar, dass wir trotz aller Gemeinsamkeiten unterschiedliche Lebenswege beschreiten würden: Jonas wollte Arzt werden und mich interessierte mehr die Geschichte und die Archäologie. Wahrscheinlich würden wir sogar in verschiedenen Städten studieren.

Wir wussten beide, dass wir immer Freunde bleiben würden. Und egal wie viele Kilometer uns auch trennen sollten, unsere Freundschaft könnte keine Entfernung dieser Welt zerstören.

 

Abschlussrede

 

Schließlich absolvierten wir unser Abitur. Jonas war der Jahrgangsbeste. Ich war auch mehr als zufrieden mit meinen Ergebnissen. Zu meinem großen Erstaunen meldete er sich freiwillig, um die Abschlussrede als Schülervertreter zu halten. Selbstsicher war er geworden in den letzten beiden Jahren. Dass er sich das aber trauen würde?

Ich neckte ihn die ganze Zeit, indem ich ihn beschwor, er sei ein Dummkopf. Er hatte nun eine Rede für den Schulabschluss vorzubereiten. Ich war insgeheim froh, dass ich nicht derjenige war, der sprechen sollte. Gleichzeitig empfand ich so etwas Ähnliches wie Stolz für ihn.

Am Abschlusstag stand ich natürlich die ganze Zeit mit Jonas und einigen anderen. Wir hatten uns alle ordentlich in Schale geworfen: wir Jungs natürlich Anzug und Hemd, die Mädels mehr oder minder elegante Abendkleider. Schließlich würden wir heute die Eintrittskarten in unsere Zukunft überreicht bekommen. Wir hatten sämtlichst hart dafür gearbeitet.

Jonas sah großartig aus. Das taten wir alle. Nur er eben ganz besonders. Er war einer von denen, die während der Schule zu sich selber fanden und ihren eigenen Stil entwickelten. Die Mädchen umschwärmten ihn, dass ich fast schon neidisch war. Er unterhielt sich galant mit ihnen, ließ sie aber der Reihe nach abblitzen. Er war ein Meister des Small-Talks.

So auch heute. Es schien mir, dass er seine Nervosität vor seinem großen Auftritt durch möglichst viel belangloses Gerede herunterkühlen wollte. Ich bemerkte deutlich seine Unruhe. Kein Wunder, kannten wir uns doch nahezu in- und auswendig.

Dann war es soweit. Nach der Übergabe der Abiturzeugnisse, bei der jedem ein paar wohlgemeinte Ratschläge und kluge Bonmots mit auf den Weg gegeben wurden, war Jonas an der Reihe. Deutlich erkannte ich seine weichen Knie. Ich gab ihm einen vorsichtigen Klaps auf den Hintern und raunte ihm zu: »Hey, Mann, du wirst großartig sein!«

Er sah mich mit einem jener wirklich dankbaren Blicke an und lächelte: »Danke.«

Dann schritt er zum Rednerpult, räusperte sich kurz und fing an:

»Der Abschluss ist ein Zeitpunkt, um denen zu danken, die uns geholfen haben, diese schweren Jahre zu überstehen. Unseren Eltern, unseren Lehrern, unseren Geschwistern, vielleicht auch einem Trainer. Der größte Dank gilt aber unseren Freunden.

Ich sage euch, das beste Geschenk, dass ihr jemandem geben könnt, ist eure Freundschaft. Lasst mich euch eine Geschichte erzählen.«

Jonas fixierte mit seinen durchdringenden Augen einen Punkt an der gegenüberliegenden Seite der Aula. Ich schaute ihn ungläubig an, als er von dem Tag erzählte, an dem wir uns das erste Mal trafen.

Dann erzählte er mit fester Stimme von seinem Vorsatz, sich an jenem Wochenende umzubringen. Ich hielt die Luft an.

Er berichtete weiter, dass er seinen Schrank in der Schule ausgeräumt hätte, damit es seine Mutter nicht später machen müsste, und wie er sein Zeug nach Hause schleppen wollte.

Mein Atem ging immer noch unregelmäßig, als er mich anschaute.

Lächelnd fuhr Jonas fort: »Gott sei Dank: Ich wurde gerettet. Mein bester Freund hat mich vor dieser unsäglichen Sache bewahrt.«

Ich spürte, wie die Anwesenden im Saal den Atem anhielten, als dieser gutaussehende und so beliebte Junge uns von dem schwächsten Augenblick in seinem Leben erzählte.

Unvermittelt blickte ich in das Gesicht seiner Mutter, die zu mir herüber lächelte. Genau dasselbe, dankbare Lächeln. Genau die gleichen braunen Augen, die mich zum Schmelzen brachten. Niemals zuvor hatte ich solch eine tiefe Verbundenheit gespürt.

Für den Bruchteil einer Sekunde herrschte eine gespenstische Stille in der großen Schulaula, nachdem Jonas seine Rede beendet hatte. Dann brandete ein nicht enden wollender Applaus los.

Den ganzen Abend haben wir bis tief in die Nacht uns und unser Abitur gefeiert. Jetzt waren wir so richtig erwachsen. Die Welt wartete nur auf uns. Die Zukunft hatte begonnen. Unsere Eltern hatten das Fest früh verlassen. Wir Schüler bleiben bis fast zum Morgengrauen.

Auf dem gemeinsamen Weg nach Hause, setzten Jonas und ich uns auf eine Bank nahe dem Fußballplatz. Lange Minuten saßen wir still nebeneinander. Dann nahm ich seine Hand und drückte sie fest.

»Clemens«, setzte er leise an, »ich werde einen Studienplatz in Melbourne annehmen.«

Ich schwieg. Eine Träne löste sich aus meinem linken Auge und rann meine Wange hinab.

»Ich fliege morgen schon ab«, flüsterte er.

»Das heißt, das war heute unser letzter Abend?«, fragte ich ungläubig. Jonas nickte.

»Irgendwann musste dieser Augenblick ja kommen. Nur hätte ich nicht gedacht, dass es so bald sein würde und so weit weg«, murmelte ich und zog die Nase hoch.

»Clemens.«

»Jonas?«

»Du bist das Beste, was mir je passieren konnte. Du weißt das?«

Wir erhoben uns und fielen uns weinend in die Arme.

»Versprich mir, dass du mich besuchen kommst«, schluchzte er.

»Ja, was glaubst denn du?«, erwiderte ich.

Die Sonne ging schon auf und färbte den Himmel rot, als wir uns endlich voneinander lösten und heimwärts strebten.

Tags drauf begleiteten ich und seine Eltern ihn zum Flughafen. Wir sprachen nicht viel, hielten uns nur ganz fest. 35 Minuten später verließ er mich durch die Passkontrolle. Ein letzter Blick, ein letztes Winken. Tränen.

 

Abspann

 

Wir haben uns noch lange Briefe geschrieben und Fotos geschickt. Begegnet sind wir uns nie wieder. Vergessen habe ich ihn nie: meinen besten Freund Jonas.

Viel hatte ich damals gelernt. Wichtiger als das gesamte Schulwissen und auch meine vielen wissenschaftlichen Forschungsergebnisse ist eine Erkenntnis, die ich dem Zusammentreffen mit Jonas zu verdanken habe: Unterschätze niemals die Macht deines Handelns. Durch eine kleine Geste, durch ein einmaliges beherztes Zupacken kannst du das Leben eines Menschen ändern. Zum Guten oder zum Bösen. Das Schicksal setzt uns alle ins Leben derjenigen, denen wir begegnen, um uns gegenseitig zu beeinflussen, auf eine ganz besondere Art und Weise.

Auf meinem Tisch liegt ein Brief aus Australien, den ich heute Nachmittag aus dem Briefkasten genommen habe. Ich habe ihn noch nicht geöffnet …

 

 

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