SPANISCHE DÖRFER

Fundierte Klischees – Aktueller denn je

„Spanische Dörfer“ ist ein Roman von Maria Braig, 2016 im Verlag 3.0 erschienen.

Drei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein können, begeben sich auf die Reise ihres Lebens mit dem Ziel, ihre Vergangenheiten hinter sich zu lassen und neu zu beginnen.

La Marcha flieht aus Afrika nach Europa, wo sie die Freiheit sucht und nicht zu finden scheint. Der transsexuelle Enrique verlässt Spanien, um als Architekt in Deutschland arbeiten zu können und niemandem mehr erklären zu müssen, wer das Mädchen ist, als das er geboren wurde. Leon hat ein Chromosom mehr als die anderen. Er ist Enriques bester Freund und ist immer für eine Überraschung gut. Sein Ziel ist es, Lehrer zu werden. Alle drei suchen sie nach dem Ort, der ohne Unterschiede auskommt. Werden sie ihn finden oder wird ihnen nur die Hoffnung bleiben?

Die Geschichte wird in einer gut lesbaren Sprache erzählt. Kapitelweise wird abwechselnd aus der Perspektive der drei Hauptfiguren erzählt. Während über La Marche und Enrique in der dritten Person erzählt wird, beschreibt Leon seine Teile der Geschichte in der ersten Person. Nicht durchschaubar habe ich den Wechsel der Zeiten empfunden (mal Gegenwart, mal Vergangenheit), was dem Fluss der Geschichte nicht wirklich schadet, mich als genauen Leser nach dem Sinn hat suchen lassen.

Die Sprache, in der Leon über sich erzählt, erscheint mir zu komplex (vielleicht weil sie nicht dem Klischee entspricht). Unerwarteter wäre dessen Schlauheit und Witz mit einfacherer Sprache dahergekommen. Durch die Sprache wird vorweggenommen, dass Leon kein durchschnittlicher Mensch mit Down-Syndrom ist, den der Leser wohl erwartet hat. So macht für mich der Wechsel der Erzählperson (von der der dritten zur ersten Person) keinen Sinn. Die Kapitelüberschriften geben die Erzählperspektiven bekannt. Im Nachwort zum Roman erklärt sich die Autorin hierzu.

Die Handlung ist wohl durchdacht, ohne dass sie zu konstruiert erscheint. Die Fäden laufen wie zufällig zusammen, wo sie einfach zusammenlaufen müssen, um die Geschichte ihrem abrundenden Ende entgegenzuführen.

Während mir die Ausgangsbasis der Geschichte am Anfang sehr klischeehaft vorgekommen ist (eine afrikanische Flüchtende, ein Transsexueller, ein Mensch mit Down-Syndrom), gelingt es der Autorin, den Klischees durch die Einblicke in konkret beschriebene Persönlichkeiten Leben einzuhauchen. Sie erzählt die Lebensgeschichten dreier Außenseiter.

Ohne Pathos führt uns die Autorin durch die Blickwinkel ihrer Protagonisten zu dem Hauptthema ihres Buches: In einer Gesellschaft, in der Individualität groß geschrieben wird, werden jene verdächtig beobachtet, die anders sind.

Ich gebe dem Buch wegen der überzeugenden Darstellung der drei Lebenswege, der schlüssigen Erzählung ihrer Probleme, Wünsche und Ziele sowie dem Anreiz zum Nach-Denken volle Punktzahl. Wer offen für das Thema und bereit ist, sich seinen Vorurteilen zu stellen, dem lege ich dieses Buch ans Herz.

 

Dieser Beitrag wurde unter REZENSIONEN veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.