SUPERMARKTWAHN

Es verfolgt mich einfach!

Wer kennt das nicht:
Freitag, 18:00 Uhr, im Kühlschrank wieder diese zwei ausgehungerten Mäuse, um sie herum gähnende Leere! Ich werde dann nur noch eben schnell was einkaufen, bevor der Supermarkt zumacht. Denke ich so bei mir, schnappe mir die dreiundzwanzig leeren Pfandflaschen und stiefele noch mal los.

Während ich am Bordstein stehe und darauf warte, daß der Strom des Feierabendverkehrs abbricht, bevor der der Nachtstreuner beginnt, lasse ich die Geschehnisse im Büro noch mal revuepassieren. Puh, war das anstrengend, jetzt nur noch schnell … Da ist sie: Die Lücke im vorbeirauschenden Verkehr. Die Flaschen klirren, ich schaffe die vier Spuren mit einem Mal.

Mein Blick beim Eintreten in den Konsumententempel fällt auf die beiden besetzten Kassen, dann auf die Schlangen der Wartenden (Typisch: Der erste an der Wursttheke ist gleichzeitig der letzte an der Kasse…) und dann auf den letzten Einkaufswagen, dem eine kleine 90-Jährige gerade mühevoll den von ihr gerade benutzten hinzuzufügen trachtet. Freundlich lächelnd gehe ich auf sie zu: „Darf ich Ihnen den Wagen abkaufen?“ und halte ihr ein Markstück entgegen. „Häh?“ schreit sie krächzend zurück. Ich zeige auf ihren Wagen und dann auf meine Münze. Darauf ruft sie: „Junger Mann! Ich will nicht Ihre Mark, ich will meinen Schipp!“

So muß ich denn wohl warten. Gerade kommt mir in den Sinn, ich könnte doch, während die Alte ihren Wagen in den anderen schiebt, mit ihren gichtigen Fingern nach der Kette greift und sie krampfhaft in das dafür an ihrem Wagen vorgesehene Loch stecken will, um sich dann nach dem heruntergefallenen Einkaufswagenchip zu bücken, ich könnte die kostbare Zeit nutzen und meine Flaschen in den Pfandautomaten stellen.

Jäh wird mein Vorhaben als Farce entlarvt, denn eine weitere dieser Kriegerwitwen steht leicht nach vorn gebeugt vor dem Automaten, um durch ihre flaschenbodengleichen Brillengläser hindurch die Bedienungsanleitung zu studieren.

Mittlerweile hat sich die andere mit ihrem Einkaufswagen ausgemehrt und entschwindet humpelnd und schneckenschnell aus dem Geschäft. Ohne Rücksicht auf Umherstehende fege ich zu den Einkaufswagen, stecke meine Mark in den Schlitz, ziehe krachend und scheppernd schwungvoll den einen Wagen heraus und schiebe ihn zum Pfandflaschenautomaten.

Immer noch diese Frau, und ihr Wagen ist immer noch voller Leergut! Ich fasse mir ein Herz – es geht auf halb sieben, ich habe weder das kleinste Teil gekauft noch irgendeine Flasche zurückgegeben – und erhebe meine Stimme. „Kann ich Ihnen behilflich sein?“ rufe ich die Alte an. Laaaangsaaaaam dreht sie sich zu mir, mustert mich mit zusammengekniffenen Augen und sagt: „Junger Mann! Sie brauchen gar nicht so zu schreien. Ich bin nicht taub.“

Sie ignorierend spreche ich zu ihr: „Sie schieben erst die beiden Klappen auf und dann stellen Sie die erste Flasche hier oben herein und die zweite hier unten, dann schieben Sie die Klappen wieder zu.“ – „Ach sooo,“ werde ich angekräht. Sie will wohl noch etwas sprechen, da drängele ich sie unsanft zur Seite, lächle ihr breit ins Gesicht und erkläre: „Ich mache Ihnen das mal vor.“

Und schon verschwindet eine meiner leeren Flaschen nach der anderen aus meinem Wagen im Automaten. Dann drücke ich auf Bon – Ach, herrje: Im Rucksack auf meinem Rücken sind ja auch noch ein paar Flaschen. Auch diese wandern in den Automaten. Wieder drücke ich die Bon-Taste, reiße beide Zettel ab, schnappe mir meinen Wagen und schnelle von dannen. Zurück bleibt ein altes Mütterchen, verdutzt und mit falschen Zähnen knirschend.

Nun habe ich es endlich geschafft: Ich bin drin! Im Vorbeigehen greife ich nach Brot und Kornflakes, Frühlingsquark und Joghurt.

Am Ende des ersten Ganges stehen zwei Frauen: die eine alt, die andere auch Rentnerin und unterhalten sich ungestört. Ihre beiden Wagen stehen quer im Gang. Kein Durchkommen. Ich komme näher und sage leicht gereizt: „Entschuldigen Sie bitte…“
Da innerhalb der nächsten zwei Sekunden keine Reaktion erfolgt, ramme ich mir mit meinem Einkaufswagen durch die Barriere scheppernd meinen Weg und sause, auf leichten Körperkontakt bedacht, an den beiden Mumien vorbei. Höre nur etwas wie „Unverschämtheit!“ und „Rücksichtslosigkeit!“ und „Frechheit!“. Es interessiert mich überhaupt nicht, was ihr ollen Schrappnellen dazu zu meckern habt. Geht doch in euer Altersheim und stellt euch da in den Weg!

Beim Abgepackten steht wieder eine und scheint das Aufgedruckte einer Salamipackung auswendig zu lernen, indem sie sie dicht vor ihre fehlsichtigen Augen hält.

Hunger habe ich. Durst habe ich. Schlechte Laune habe ich. Meine Versuche, an diesem dusseligen Frauenzimmer vorbei an das verdammte Regal zu gelangen, scheitern kläglich: Will ich an die Ware, stellt sie sich kraft ihrer Körpermasse davor, gehe ich einen Schritt zur Seite, tut sie das gleiche. Und immer liest sie in aller Seelenruhe die aufgedruckten Texte von der ersten bis zur letzten Zeile.

Ich denke so bei mir, Mensch Mutti, du hast auch nicht mehr alle Zeit der Welt, jünger werden wir beide nicht mehr, und zu Weihnachten will ich hier raus sein, und touchiere sie leicht aber energisch mit meinem Einkaufswägelchen, worauf sie den Bodenkontakt einbüßt und sich zwischen Lightdammer und Schmierkäse abstützen muß. Mit zwei schnellen Handgriffen habe ich, was ich brauche. Auf zur nächsten Etappe.
Die Alte im Regal zetert.

Da fällt es mir ein: Ich brauche neue Milch. Milch gibt es bei Joghurt. Also gehe ich zurück zum ersten Gang.

Dort stehen sie wieder oder immer noch, mitten im Wege über die schlechte Qualität von Backpulver sich unterhaltend und daß die Spargelsaison bald zuende gehe. Das ist nicht alles wie vorher, nein, die beiden Wagen stehen auch wieder quer.

Diesmal sage ich gar nichts, sondern renne mit meinem Wagen ohne Geschwindigkeitsverlust triumphierend durch die Sperre hindurch, merke nicht einmal, daß das Gespräch einer merkwürdigen Stille weicht. Schneller, als die beiden Ollen sich aufregen oder gar die Wagen wieder in den Weg schieben können, komme ich mit meiner Milch bewaffnet auch schon wieder durchgestürmt. Und wieder dieses „Unverschämtheit!“ und „Rücksichtslosigkeit!“ und „Frechheit!“. Ich bin gelangweilt, rasend vor Zorn. Ich hasse Supermärkte, in denen es Freitag abends wegen der vielen alten Weiber schon nach Friedhof riecht.

So, was brauche ich noch? Tomaten! Ich gehe also an den Gemüsestand, nehme mir ein kleines Tütchen von der Rolle und packe fünf schöne rote und feste spanische Tomaten ein. Damit gehe ich zur Waage. Ein großer Zettel verkündet in großen krakeligen Buchstaben: „DEFECKT!“ Also gehe ich zur anderen Waage. Was ich dort zu sehen bekomme, wollen meine Augen einfach nicht glauben! Drei lose Tomaten liegen einsam und unbeaufsichtigt auf der Waagschale. Jetzt kommt auch schon ein altes Mütterchen (was sonst?) in tischtuchgemusterter Kittelschürze mit zwei weiteren dieser Früchte an und legt sie zu den anderen, während sie sich umdreht, nimmt sie eine der ersten wieder herunter und bringt sie zurück zum Stand. Dann kann ich beobachten, wie sie bei den Rispentomaten stehenbleibt und mit krummen Fingern eine Frucht nach der anderen angrapscht, fftsch fftsch, fftsch fftsch … Die meisten von ihr zerdrückten läßt sie, wo sie sind. Die Tomaten, auf die ihre Wahl gefallen zu sein scheint, pflückt sie umständlich vom Strauch. Klar, den schweren Ast will sie natürlich ebensowenig mitwiegen, wie den gewichtigen Plastikbeutel.

Als sie endlich wieder zur Waage zurückkehrt, trete ich laut und genervt auf der Stelle: „Sagen Sie, wie lange wird das hier noch dauern?“ – „Junger Mann,“ (Wenn jetzt auch nur noch einer „Junger Mann“ zu mir sagt, dann RRRRRR!) „nun drängeln Sie mal nicht so, ich bin nicht so schnell“, keift sie mich an. Ruhig, Guido, ruhig, sonst überlebt die das hier nicht … Jetzt steht diese verwachsene Gestalt von einem alten Waschweib vor der elektronischen Waage mit weit geöffneten Augen wie eine Eisente im Gewitterregen, als hätte sie dieses Ding noch nie bedient. „Jetzt müssen Sie die drei Zahlen eintippen, die da beim Gemüse stehen!“ rufe ich ihr gereizt zu. Sie will etwas erwidern, blickt in mein Totengräbergesicht und sagt lieber doch nichts. Dann sage ich noch: „Unten links ist die eins!“

Sie tippt mühevoll die Kombination für normale Tomaten in die für sie ziemlich hochhängende Tastatur der Waage. Aha: Rispentomaten nehmen und eine Mark je Kilogramm sparen. Doof ist sie nicht ganz, diese dumme Thusnelda. Sie jedenfalls wartet zwei Sekunden, dann fauche ich sie an: „Jetzt auf Eingabe drücken, Mädel!“
Sie zuckt zusammen und tut wie ihr geheißen. Mir wird warm, Zornesröte macht sich spürbar breit auf meinem Gesicht. Den Bon läßt sie hängen, die Tomaten lose liegen, dreht sich um und geht sich einen Plastikbeutel holen. Jetzt ist die Stunde der Rache gekommen. Blöde Kuh, denke ich, reiße den Bon ab, drücke kräftig mit meinem Daumen neben die Tomaten auf die Waagschale, gebe die Zahlenkombination für Rispentomaten ein und betätige nochmals die Eingabetaste. Den neuen Bon lasse ich hängen und warte, bis die Alte mit einem Tütchen zurückschlurft, grinse. Sie packt ihre Tomaten einzeln und mit mühevollen Bewegungen gemächlich ein, fingert nach dem Bon, reißt ihn umständlich, sich auf die Waage stützend, ab und klebt ihn leicht zerknittert an der Tüte fest, wobei ihr beinahe noch die mühsam gepflückten Tomaten herausgefallen wären. Dann ENDLICH geht sie mit ihrer Beute zu ihrem Wagen.

Endlich gehe ich siegessicher, die Tortur letztendlich doch noch überlebt zu haben, Richtung Kassen. Wie üblich, geht’s an der anderen Kasse wesentlich schneller. Wau: nach fast zwanzig Minuten ist nur noch eine alte Dame vor mir. (Wo, zum Geier, sind eigentlich all die Männer dieser Generation hin? Im Krieg geblieben? Fett und entblödet mit Bier und Zigarre vorm Fernseher?) Ich habe die beperückte Frau vorher schon beobachtet, wie sie mit flinken Bewegungen ihre Waren aus dem Wagen genommen und auf das Förderband gelegt hat. Jetzt kann es ja nicht mehr lange dauern.

Doch wiederum habe ich die Rechnung ohne die rheumatische Alte gemacht. Als ihr dann die Kassöse den Zahlbetrag nennt, fängt sie in ihrer riesigen Kunstlederumhängetasche zu wühlen an. Hervor kommt nach unendlich langen Sekunden ein riesiges Portemonnaie. Sie öffnet es, indem sie die beiden Metallgnubbel aneinander vorbeidrückt. Dann greift sie mit der ganzen Hand hinein, holt eine handvoll Münzen heraus, klemmt sich mit der anderen Hand die Börse unter ihre Achsel und beginnt, das Geld in drei Reihen auf ihrer flachen Hand unter den erstaunten Blicken des interessierten Publikums zu sortieren. Dann sagt sie zur Kassöse: „Junges Fräulein, ach bitte, nehmen Sie sich doch bitte. Wieviel macht das?“

Sie hält ihr die Hand hin. Münzen fallen auf das Band. Ich blicke zum Himmel. („Oh, Herr, es muß dich geben, denn sonst wären die hier alle schon bei dir!“)

Dann: ENDLICH, ich habe schon nicht mehr geglaubt, vor dem Morgengrauen heranzukommen, bin ich an der Reihe. Meine Waren werden von dem blonden Fräuleinwunder im dunkelblauen Kittel an der Kasse am Scanner vorbeigeführt, piep, piep, piep. Die Kasse registriert, ratter, ratter. Zum Schluß halte ich ihr noch freudestrahlend meine beiden Pfandbons entgegen. Ihr Gesicht verfinstert sich, ich hoffe nur, daß diese Qual bald enden möge. Das blonde Kassenwunder denkt aber gar nicht daran, mich schnell zu erlösen, sondern faselt irgendwas von: „Erst ALLE Flaschen in den Automaten und dann nur EINmal Bon drücken.“ Jetzt müsse sie zwei Bons aufschreiben und das sei doppelte Arbeit. Da platzt sie mir. Die Hutschnur. Lange genug bin ich ruhig geblieben, du blondes Flittchen. Ich haue mit der flachen Hand auf das Förderband und beuge mich, sie mit weit geöffneten Augen anstarrend und hörbar knurrend vor, daß die dumme Kassöse vor Schreck eine falsche Taste an der Kasse drückt und einen Fehlbon produziert. Sie ruft nach dem Oberkassierer. Ich habe mitgerechnet, werfe ihr das Geld passend hin, greife nach meinen Sachen und verlasse wild schnaubend diese heiligen Hallen, ohne daß es auch nur ein einziger sich getraut hätte, mich aufhalten zu wollen. Gebissen hätte ich!

 

Mein Lieblingsfrank fragt mich am selben Abend: „Was ist heute los mit dir? Warum so genervt?“

Ich grinse. Beuge mich zu ihm. Sage nichts. Spitze die Lippen, wie zum Kuß. Seitdem fehlt ihm ein winzigkleines Stückchen seines linken Ohrläppchens.

 

Aber mal ganz im Ernst: Ich glaube, nein ich weiß es mit Sicherheit, daß wenn ich mal so richtig alt werde, dann gehe ich auch dann einkaufen, wenn so richtig was los ist im Supermarkt. Das ist, wie ich mir Alterssex vorstellen kann: Grantelnd stehe ich dann mich auf meinen Spazierstock mit den vielen kleinen Metallwappen stützend mitten im Wege und lasse mich von diesen jungschen, meine Rente bezahlenden Schnöseln durch den Laden schubsen. Uuuuuahahahaha! Geil wird das werden

Dieser Beitrag wurde unter SCHANDMAULEREIEN, SOWAS veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.