ZEIT

Ach ja, die Zeit. Mal scheint sie stillzustehen, mal rast sie in atemberaubendem Tempo von dannen.
Sie ist nichts greifbares und legt sich mäandernd über unser Leben, bestimmt es sogar. Mehr als wir es wollen.
Zeit können wir haben. Und haben doch nichts in der Hand. Auch die die wenig Zeit haben, sind nicht ärmer. Auch wenn Sie weniger haben.

Zeit ist immer und überall. Sie ist immer da, auch wenn wir sie nicht haben, ist sie anwesend.

Zeit ist unsichtbar. Auch ein Blick auf die Uhr macht sie nicht sichtbar. Wir sehen nur die Bewegung des Zeigers und bemerken, daß er Zeit benötigt. Verwechseln wir nicht Zeit und Bewegung?
Zeit hat keine Geschwindigkeit und vergeht doch so schnell. Wenn sie aber vergangen ist, ist sie immer noch nicht weg.
Wir können nicht bestimmen, wie schnell Zeit ist. Haben wir es eilig, vergeht sie in Windeseile. Warten wir, scheint sie stillzustehen.
Wir haben die Zeit unterteilt, damit sie für uns meßbar, zählbar scheint. Wir addieren Sekunden, Minuten, Tage, Jahre.
Zwei Wochen Urlaub vergehen anders schnell wie zwei Stunden Warten.
Zehn Jahre haben eine andere Bedeutung für einen Zehnjährigen wie für einen Neunzigjährigen, auch wenn es sich um dieselben zehn Jahre dreht.
Wenn wir uns langweilen, kann Zeit nahezu hörbar werden. Haben wir viel zu tun, fehlt uns Zeit.
Zeit ist begrenzt. Egal, was wir auch anstellen oder aufbringen, zusätzliche Zeit ist nicht zu bekommen.
Zeit ist unbegrenzt. Sie kann nicht verbraucht werden. Auf vergangene Zeit folgt immer wieder neue.

Zeit vergeht nicht, sie ist immer und überall.

Analog zur Temperatur könnte von einer gefühlten Zeit gesprochen werden. Für einen Neunzigjährigen ist die Hälfte seiner gefühlten Lebenszeit bereits nach etwa achtzehn Jahren vergangen. Die Abstände des Neuerlebten wachsen stetig.
Zeit ist geruchlos und nicht fühlbar. Auch wenn wir ständig merken, wie sie uns zwischen den Fingern hindurchrinnt.

Aber die Zeit vergeht nie. Sie ist immer und überall. Sie ist nicht meßbar oder zählbar.

Wie komme ich eigentlich darauf? Ist es das Alter, in das ich trete? Ein Drittel meiner durchschnittlichen Lebenserwartung habe ich schon längst hinter mir gelassen.
Bin ich jetzt alt? Was sind einunddreißig Jahre im Vergleich zum Lebensalter einer Basaltsäule oder der Zeitspanne seit dem Urknall?
Die Musik, die ich höre, vergeht. Sie wird nie wieder zu hören sein. Alles ist vergänglich, wir sind vergänglich, ich bin vergänglich. Wer löscht einmal diese Homepage?

Allein die Zeit ist unvergänglich, sie wird bleiben. Sie wird immer und überall sein.
Zeit ist.

 

Berlin, an einem spätsommerlichen Samstagmorgen um halb drei kurz vor der Jahrtausendwende.

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