SCHATTEN

Wenn ich alleine bin und Kerzenlicht leuchtet, bemerke ich sie, sehe sie tanzen.
Hinter jedem Tisch- oder Stuhlbein sind sie. Ich sehe sie hervortreten. Tanzend. Ich sehe sie sich wieder zurückziehen. Als würden sie sich verstecken vor meinen Blicken. Dabei weiß ich genau, sie sind da. Schatten.

Wo Licht ist, sind auch Schatten.

Schatten sind das gebündelte Dunkel. Ein Dunkel, das ich zu vertreiben suche. Sie scheinen das Licht der Kerzenflamme anzusaugen, zu verbrauchen. Sie scheinen gegen es anzukämpfen. Haben sie Angst, es könnte sonst sie selbst verschlucken? Das Licht? Sie verbergen sich hinter allem, das zwischen ihnen und der Quelle des Lichtes steht. Schauen kurz hervor, um sich gleich wieder zu verstecken. Was haben sie vor?

Schatten haben alle dunklen Erinnerungen inne. Nie bin ich sicher, ob sie sie festhalten oder zurückschicken in meine Welt. Sie verstecken sich vor mir. Machen mir Angst. Ich will nicht hören, was sie flüstern. Ich höre es nicht. Ich spüre es. Schatten schweigen nicht. Sie erzählen in aller Stille.

Wo gehen die Schatten eigentlich hin, wenn ich das Licht lösche?
Dann wäre es dunkel und ich wüßte, sie wären immer noch dort. Wären überall. Verbreiteten sich im Raum. Umschlössen mich und meine Gedanken. Brächten ihre Botschaft. Unweigerlich. Ich entzündete das Licht, sie hinter Stuhl- und Tischbeine zu vertreiben. Dann sähe ich sie wieder tanzen. Weiter weg wüßte ich sie. Etwas beruhigender wäre das schon …

 

Berlin, an einem verregneten Sonntagmorgen
um kurz nach eins nach der Jahrtausendwende.

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