BESONDERER BESUCH

Die Rowohlt Verlagsgruppe hat zu einem Wettbewerb aufgerufen, an dem ich teilgenommen habe.

Aus den Einsendungen sind vier Geschichten von einer Fachjury ausgewählt worden, die dann jeweils eine an den Adventssonntagen zum Download bereitgestellt werden.

Vorgaben: die ersten vier Absätze als Beginn, Limit: 10.000 Zeichen inklusive Leerzeichen.

Heiligabend.

»Was an diesem Tag ist eigentlich genau heilig?«, stöhnt Frida, als sie mit Mühe einem Stapel Geschenke für die Kinder ausweicht, der das ganze elterliche Schlafzimmer in Besitz zu nehmen droht. Im Geiste geht sie zum wiederholten Mal ihre To-Do-Liste durch: Aufräumen. Gänsebraten und Kartoffelknödel zubereiten. Tisch decken. Dafür sorgen, dass alle ein unvergessliches Weihnachtsfest erleben. Wie immer. Die Frida, die macht das schon, – was ist sie nur für eine wunderbare Gastgeberin! Stets freundlich, gut gelaunt – ganz die perfekte Ehefrau und Mutter.

Den ganzen Vormittag ist sie schon allein in ihrem Häuschen am Stadtrand von Berlin, das Jan für sie beide ausgesucht hatte. Sie erinnert sich noch genau an seine Worte, fünf Jahre müsste das jetzt auf den Tag genau her sein: »Jetzt, wo du schwanger bist, brauchen wir etwas Größeres.«

Sie hat zugestimmt. Vielleicht hat sie in letzter Zeit etwas zu oft ›ja‹ gesagt. Ja, geh nur vormittags mit den Kindern auf den Weihnachtsmarkt, ich schaffe das hier schon. Ja, laden wir doch Oma Anita und Opa Bernd an Weihnachten zu uns ein. Klar kann dein Bruder David auch kommen. David, der sich hier wie jedes Jahr einnistet, keine Geschenke für die Kinder dabei hat und das ganze Haus durch seine arrogante Art einzunehmen scheint. Sie fröstelt bei dem Gedanken an ihren Schwager …

Ihr Blick bleibt an der roten Küchenuhr hängen, die ihre besten Tage hinter sich hat. Im Grunde bin ich wie diese Küchenuhr, sagt Frida laut und erschrickt, als ihre Stimme im leeren Haus hallt. Sie streicht sich mit der Hand über die Stirn, ganz so als könnte sie die Gedanken einfach fortwischen.

Das laute Schrillen der Türglocke holt sie abrupt in die Realität zurück. Ausgeschlossen, dass es schon die Familie ist. Hierhin verirrt sich doch eigentlich keiner – schon gar nicht an Heiligabend, seufzt Frida und öffnet langsam die Tür.

»David, was machst du denn schon hier?«, ruft sie ihrem Schwager entgegen, der sich an ihr vorbei ins Haus drängelt.

»David? Wer ist das?« Frida blickt ungläubig in das verängstigte Gesicht eines kleinen Mädchens, das er an der Hand mit hineingezogen hat.

»Sie heißt Djamila und kommt aus Syrien«, lächelt David.

»Und? Was macht sie hier, außer sich aufwärmen?«

»Genau das. Sie hat so entsetzlich gefroren. Und sie hat bestimmt auch Hunger.«

»Da hast du dir gedacht, die bring ich mit zu Frida und Jan. Die haben immer so viel übrig«, entgegnet sie gereizt. Um das Mädchen nicht zu verunsichern, beugt sie sich ein wenig herunter und fragt das Mädchen freundlich: »Möchtest du etwas trinken? Einen warmen Tee vielleicht?«

»Sie versteht dich nicht, Frida«, klärt David seine Schwägerin auf.

»Klar, sie kann kein deutsch. – Wie bist du an dieses Mädchen geraten? Wo sind ihre Eltern?«, will Frida wissen.

»Du weißt doch, ich arbeite in einer Hilfsorganisation mit. Gestern haben wir die Notunterkunft in der alten Fabrik eingerichtet. Die Flüchtlinge, die dort untergebracht werden sollen, haben mitgeholfen. Es waren viele Kinder dabei. Unter ihnen Djamila. Wir wissen nicht, wo ihre Eltern sind.«

Frida stockt der Atem. »Das arme Ding!«

»Nachdem wir gestern fertig waren, kam uns die Idee, dass es doch schön wäre, wenn wir einige zum heiligen Abend mit nach Hause nehmen und mit ihnen feiern würden. Ich habe mich erst gesträubt. Doch dann kam Magda auf die Idee, ich solle Djamila mitnehmen. Sie wusste ja, dass ich bei euch sein würde und dass ihr zwei Kinder im selben Alter habt.

Nun ja, da war das dann beschlossen. Ich konnte einfach nicht nein sagen. Schau dir ihre traurigen Augen an.«

»So so, das war dann beschlossen. Ohne uns zu fragen!« Ihre Gefühle pendeln zwischen Erstaunen, Entsetzen und Mitgefühl.

»Ich hätte nicht gedacht, dass du dich so haben wirst. Sie hat doch niemanden mehr«, gibt sich David enttäuscht.

Frida holt tief Luft: »Du verstehst mich mal wieder falsch. Du hättest uns nur vorher Bescheid sagen sollen.«

»Was hätte das geändert? Wegen Jan? Den überzeuge ich. Der hat bestimmt nichts dagegen.«

»Nein«, wirft sie ein, »wegen eurer Eltern. Die sind sehr konservativ.«

»Und sehr christlich. Da können sie uns ihre Nächstenliebe einmal beweisen«, kontert er.

Frida geht zur Küchentür, dreht sich um und winkt Djamila zu sich heran. Lächelnd hält sie dem kleinen Mädchen eine Flasche Orangesaft hin. Djamila nickt. Frida füllt Saft in ein Glas und reicht es ihr.

Dann prüft sie den Gänsebraten im Ofen und bereitet Kloßteig vor. Djamila schaut ihr dabei neugierig zu.

»Ja, meine Kleine. Da haben wir Glück, dass wir genügend Gänsekeulen und -brüste haben. So bekommt jeder was ab«, sagt sie zu sich, wohl wissend, dass Djamila sie nicht verstehen würde.

»Kann ich dir bei irgendetwas helfen, Frida?«, ruft David aus dem Wohnzimmer.

»Ja, nur komm bitte nicht in die Küche. Das hier schaffe ich noch ohne dich. Kümmere dich um das Mädchen«, entgegnet sie und bemüht sich sehr, nicht genervt zu klingen.

David kommt an die Küchentür und winkt Djamila zu sich heran. Sie folgt ihm ins Wohnzimmer.

So, denkt Frida, Endspurt, bald kommen meine Liebsten und die Schwiegereltern.

Jan und Florian mögen es gern sehr knusprig. Sie holt eine der beiden Pfannen aus dem Backofen und schiebt sie eine Etage höher wieder hinein. Keulen für Flo und Brust für Jan. Wie sich das verändert hat. Früher wollte Flo immer an die Brust, heute braucht er eher meine Fittiche. Ganz anders bei Jan. Sabine mag es irgendwie zwischen kross und weich, Hauptsache viel zartes Fleisch und bloß nicht mit den Fingern essen müssen. Sie sieht ihre Tochter angewidert den Kopf schütteln. Oma mag es gar nicht knusprig, eher schlabberig. Nun ja, die Zähne. Opa ist sehr genügsam, der isst alles. David ist Veganer, der bekommt Gemüse und Klöße.

Sie schöpft mit einer Kelle etwas Soße und begießt die unteren Gänseteile damit. Zweimal, dreimal, viermal, so, das reicht. Ofen zu und weiter zu den Knödeln.

Zwischendurch wirft sie einen Blick ins Wohnzimmer: David sitzt auf dem großen Sessel, Djamila auf seinem Schoß. Er zeigt ihr Bilder in einem alten Kinderbuch. Wie süß, findet Frida, seit wann kann der mit Kindern?

Weiter mit den Klößen. Grün- und Rotkohl können auch angestellt werden. Sie werkelt in der Küche und lässt ihren Gedanken freien Lauf. Ach ja, Weihnachten ist das Fest der Liebe. Jan flüchtet sich immer mit den Kindern auf den Weihnachtsmarkt. Und David entdeckt seine Liebe zu Flüchtlingskindern.

Das Garagentor geht hoch. Ein Auto fährt ein. Viele Türen werden zugeschlagen. Kinderlachen dringt ins Haus. Dann stürmen auch schon die Kinder herein.

»Hallo Mama!«, rufen sie ihr zu.

»Stiefel aus!«, begrüßt sie ihre Liebsten.

Zu spät. Während zwei gut gelaunte Kinder sich ungelenk in der Küche ihre Anoraks ausziehen und aufgeregt von Süßigkeiten, Karussell, Kinderpunsch und Weihnachtsgeschenken erzählen, küsst und umarmt sie der beste Ehemann der Welt.

Jan geht zurück in die Diele und ruft seine Kinder zu sich: »Florian, Sabine, kommt her, Stiefel ausziehen, Jacken anhängen. Und dann müsst ihr noch den Dreck wieder wegwischen.«

»Ooch, Papa«, nölt Sabine, »Gleich kommen doch Oma und Opa. Die bringen bestimmt wieder Dreck mit rein, weil Oma ihre Stiefel nicht ausziehen will.«

Sie hat so recht. Was soll man sagen, Oma friert eben immer an den Füßen.

»Nein«, wirft Jan dazwischen, »ich habe meinen Eltern gefütterte Hausschuhe vom Weihnachtsmarkt mitgebracht. Wer darin friert, lebt nicht mehr.«

Immer wieder gelingt es ihm, sie daran zu erinnern, warum sie ihn nach all den Jahren immer noch liebt.

»Hallo, Onkel David!«, erschallt Florians Stimme aus dem Wohnzimmer. Doch ehe er auf ihn zustürmt, entdeckt er das kleine schwarzhaarige Mädchen auf seinem Schoß. »Ääh, wer ist das denn?«

»Hallo Flo, mein Lieblingsneffe. Das ist Djamila. Sie kommt aus Syrien.«

»Wo ist Syrien?«, will Sabine wissen.

»Mensch, bist du blöd! Das liegt bei Israel«, schlaumeiert Florian.

Frida widmet sich augenrollend wieder den Gänseteilen im Backofen. Ein wenig mehr Oberhitze für ihre Jungs. Ein wenig Bratensaft für Omas dritte Zähne.

Jan ermahnt seinen Sohn, netter zu seiner Schwester zu sein.

»Israel?«, fragt sie nach. »Das ist doch, wo Jesus herkommt.«

Es klingelt. Jan lässt seine Eltern herein. Unwillig tauscht seine Mutter ihre Stiefel gegen gefütterte Hausschuhe. Sein Vater macht es ihr gleich.

»Setzt euch doch schon mal an den Tisch«, schlägt er vor.

Florian und Sabine kommen angerannt und klammern sich lauthals an Oma und Opa. David steht am Esstisch, neben ihm Djamila.

»Hallo, David, schön, dass wir uns mal wieder sehen. Wen hast du denn da bei dir?«, begrüßt ihn seine Mutter.

»Hallo Mama, das ist Djamila aus Syrien. Sie feiert dieses Jahr mit uns«, erklärt er.

»Aha. Wir hatten ja keine Ahnung. Hoffentlich hat der Weihnachtsmann auch für sie ein Geschenk«, sagt sie enttäuscht.

»Wenn er für sie nichts hat, dann schenke ich ihr meine Wollmütze vom letzten Jahr. Ich habe doch so viele«, erklärt Sabine.

»Von mir kann sie einen Schal haben«, ereifert sich Florian.

»Jetzt setzt euch aber erstmal an den Tisch. Die Gänse werden sonst noch kalt«, fordert Frida. So schön einträchtig, wie sie ihre Familie gerade auch erlebt, Gans muss heiß gegessen werden. Was soll der Gast aus der Ferne denken?

Kaum sitzen alle, greifen sie sich an den Hände. Djamila zögert kurz, dann fasst sie Davids Hand zu ihrer Linken und Sabines rechts. Wie jedes Jahr fängt Opa an, ein Gebet zu murmeln. Florian schaut verstohlen zu Djamila.

Nachdem Opa »Amen« gesagt hat, will Florian wissen: »Glaubt Djamila eigentlich auch an Gott?«

Oma zuckt die Schultern.

David erklärt: »Bestimmt. Sie ist eine Muslima.«

»Was ist eine Muslima?«, fragt Florian nach.

»Das ist jemand, die ein bisschen anders an Gott glaubt als wir. Muslime nennen ihn Allah.«

»Ach, so Islamisten?«, ruft Sabine aus.

»Nein, Bine« setzt Jan ein, »Islamisten glauben nicht an Gott und auch nicht an Allah. Islamisten wollen uns nur Angst machen.«

Sabine ist beruhigt: »Dann können wir alle zusammen feiern. Und der Weihnachtsmann MUSS allen etwas schenken.«

»Später. Jetzt wollen wir erstmal essen«, drängt Frida.

 

Meinen Herzlichen Glückwunsch den vier Gewinnern!

Dieser Beitrag wurde unter COGITO, GESCHICHTETES, KURZGESCHICHTE, WEIHNACHTEN, WETTBEWERBSBEITRAG veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.